Die Filme sind da …
Walter Heynowski zum Geburtstag
Walter Heynowski wird heute 85 Jahre alt, er lebt in der Karl-Marx-Allee und erfreut sich bester Gesundheit und großer Arbeitsfreude. Letzteres ist insofern bemerkenswert, als ihm sein Medium heute verschlossen ist. Der Film braucht Geld und Apparate, beides steht ihm seit zwanzig Jahren nicht mehr zur Verfügung. Und man hege keine Illusionen, nicht wenige sagen: gut so. Freunde von Frieden, Sozialismus, Solidarität sind das nicht, sie hängen anderen Werten als den in Heynowskis Arbeit propagierten an. Und propagiert hat er sie: klar, kunst- und eindrucksvoll, erkenntnisstiftend, mit agitatorischer Verve. Eine Aufführung von »Bye-bye Wheelus« im engsten Kreis brachte die politische Hellsichtigkeit und überzeugende Bildsprache der H & S-Filme erst kürzlich wieder in Erinnerung - Anlass war der furchtbare Sturz Libyens in den Bürgerkrieg.
Ich habe ihn spät kennengelernt und als einen, der sich verweigert. Nie wieder wollte er den Eulenspiegel Verlag betreten, nicht zu Ehrungen, Gesprächen, Retrospektiven reisen, niemanden zu Interviews oder Erinnerungsaustausch empfangen. Die Abwicklung der DDR hat ihn tief getroffen, zumal er zu jenen gehörte, die sich dieses Land frei zum Vaterland gewählt hatten, zu den qualifizierten Leuten, die aus mancherlei Beweggründen, aber mit dem sicheren Gefühl für das sittlich Richtige, nach dem Krieg in den Osten gekommen sind.
Er kam mit Aufbaubegeisterung und dem instinktiven Willen, den Beruf des Journalisten zu ergreifen. Sein Instinkt hatte den Jungen, Jahrgang 27, fast fehlgeleitet; gar zu gern wäre er unter dem nachmaligen ZDF-Fernsehkrimivielschreiber, dem publizistischen SS-Sturmgeschütz Herbert Reinecker Kriegsberichter geworden, beim »Pimpf«, beim »Schwarzen Korps« wohl gar. Seine »asiatische Visage« war den Ariern suspekt, das war das Quäntchen Glück. Der übergroße Rest aber war bittere Erkenntnisarbeit, befördert durch Männer wie Werner Steinberg, Rudolf Herrnstadt, Albert Norden ...
Angesichts seiner Verweigerung gegenüber Medienbetrieb und Aufarbeitungswahn liegt eine gewisse Ironie darin, dass des Geburtstags von Walter Heynowski hier öffentlich gedacht wird. Sein künstlerisches Schaffen ist beendet mit dem Untergang der DDR, er hat seither keinen Film mehr gedreht und wollte selbst nicht mehr darauf angesprochen werden. Der Chronist der Klassenkämpfe in Europa, Vietnam, Chile und vielen andern Ländern, der zumeist gemeinsam mit Gerhard Scheumann arbeitete - er schweigt heute: »Ich wollte sagen: Die Filme sind da, ich existiere nicht mehr.«
-
/ Klaus WeberUnerhörte ErinnerungsarbeitAm 27. Januar 2025 jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum 80. Mal. Ein Essay über Widersprüche des Erinnerns in West- und Ostdeutschland
-
/ DiasporaOst (Franziska und Jonas Haug)Der Roman als wohlgestaltetes Chaos»Die Projektoren« verliert geplant die Orientierung: zwischen Velebit-Gebirge und Leipzig, Weltkriegen und Sozialismus sowie Kino und Psychiatrie.
-
/ Stefan BerkholzYanis Varoufakis: Der Mythos lebtYanis Varoufakis war in Berlin zur Premiere eines Dokumentarfilms, der ihn selbst zum Thema hat
»Ein SS-Mann, der spricht, ist ein Wunder«, zitiert Heynowski gern Claude Lanzmann. Mit »Kamerad Krüger« schließt sich der Bogen seines Filmwerks, das mit »Mord in Lwow« und »Aktion J« begann. Nicht aber schloss sich damit der Bogen seiner Biografie und dessen, was ihn umtreibt. Immer wieder kehrt er zurück zu den Gründen für die Siege des Faschismus - draußen auf den Schlachtfeldern und drinnen in den Köpfen. Er sucht bei sich und seiner Generation, reflektiert historisch tiefer, akribischer, schonungsloser als andere. So ist seine Biografie (er arbeitet am zweiten Band) zu einem Generationenbuch geworden, zum »Film seines Lebens«, den sehen kann, wer bei ihm sehen gelernt hat. Allein die Aufzählung seiner Filme sprengte den Umfang dieser kleinen Gratulation. Man hat sie gesehen und wird sie sehen als atemberaubende, erregende, zeitzeugenschaftliche Dokumente. Wann? Einst.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.