BLOGwoche. Ende des gedruckten Wortes
Das Ende der gedruckten Zeitung ist nah. Zu den Zeugen Jehovas der Medienbranche, die dieses Mantra verkünden, gehört auch Martin Wegert, Redakteur der Blog-Plattform netzwerk.com. Den Freunden des Print-Journalismus macht er wenig Hoffnung. Die Annahme, die Leser seien besorgt, wenn sie »plötzlich ihr Stammblatt nicht mehr im Briefkasten« vorfänden »und ihr Frühstück ohne das kompakte Nachrichtenbündel auf Papier einnehmen« müssen, nennt Wegert unbegründet. »Denn einen entscheidenden Aspekt blenden die Anhänger der Tageszeitung völlig aus: Der Wunsch nach einer Papierzeitung ist kein angeborenes Bedürfnis, ohne dessen Erfüllung sie den Rest ihres Lebens unglücklich wären. So schwer sich leidenschaftliche Zeitungsleser dies auch vorstellen können: Nach einer kurzen Zeit der Abstinenz würden sie sich an diesen Zustand gewöhnen, so wie sich der Mensch an alle neuen Lebenssituationen anpasst.«
Das Fernsehen würde der Konsument eher vermissen. Wir alle sind TV-Gucker - jedenfalls nach Meinung der öffentlich-rechtlichen Sender, die seit Jahresanfang jeden Haushalt mittels einer Abgabe zur Kasse bitten. Heiko Hilker, Mitglied des MDR-Rundfunkrats, hält die Behauptung der WDR-Intendantin Monika Piehl, der Beitrag sei keine Steuer, aber für falsch. In einem letzten Interview als ARD-Chefin hatte Piel der »Berliner Zeitung« erklärt, der Rundfunkbeitrag könne keine Steuer sein, weil das Fernsehen Teil einer öffentlichen Informationsstruktur sei, die von allen finanziert werde. »Jeder Mensch bezahlt auch für die Oper oder ein Museum, auch wenn er nie einen Fuß hineinsetzen wird.«
»Das ist falsch«, entgegnet ihr Hilker in seinem Blog www.dimbb.de. »Richtig ist: Ein Mensch, der nie in seinem Leben eine Oper oder ein Museum betritt, bezahlt für Museum, Oper oder Theater nur indirekt - über seine Steuern. Denn Museen, Opern und Theater finanzieren sich neben ihren Einnahmen aus Eintrittsgeldern auch aus Zuwendungen und Förderungen durch Bund, Länder und Kommune, also aus Steuergeldern.«
Journalismus ist also ähnlich wie die Kultur vom Wohlwollen der jeweiligen Geldgeber abhängig. Auch in der Bloggerszene hat es sich herumgesprochen, dass es die totale Unabhängigkeit nicht gibt. Irgendwoher muss das Geld ja kommen. Antje Schrupp beschäftigt sich auf www.antjeschrupp.com mit der Absicht des US-Bloggers Andrew Sullivan, seinen Blog nicht mehr von Werbung oder Investoren finanzieren zu lassen, sondern von den Leserinnen und Lesern. Schrupp meint, das sei lediglich »eine Verschiebung der Abhängigkeit. Die Frage ist nämlich nicht, wie Bloggerinnen und Blogger unabhängig werden, sondern wovon sie lieber abhängig sein möchten: Von Werbung, von Inverstor_innen oder von den Leser_innen? Oder vielleicht von noch etwas ganz anderem?«
Zusammengestellt von: Jürgen Amendt
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