Mit und ohne Dekolleté
Grammy-Verleihung
Was gedeckelt werden soll, drängt an die Oberfläche. Der US-Sender CBS muss also gewusst haben, was er auslöste, als er für die Gala der Verleihung des Musikpreises Grammy am Sonntag in Los Angeles ein »Nacktverbot« aussprach. Zum einen konzentrierten die TV-Verantwortlichen dadurch die Aufmerksamkeit des Publikums schon Tage vor der Sendung vollends auf möglicherweise entblößte sekundäre Geschlechtsmerkmale - und degradierten die Musik noch stärker als sonst zum sekundären Merkmal des Abends. Zum anderen war vorauszusehen, dass vor allem weibliche Gala-Gäste nicht das Risiko eingehen würden, am Ende als (die einzige) Puritanerin dazustehen. Und so fühlten sich Jennifer Lopez, Alicia Keys, Katy Perry und viele Kolleginnen wohl »jetzt erst recht« angestachelt, garderobenmäßig die Sau rauszulassen.
Wer das wie, in welchen Farben und mit den raffinierten Schlitzen an welcher Stelle des wie tief dekolletierten Kleides gemeistert hat, nimmt in der Nachberichterstattung denn auch größeren Platz ein als etwa die vier gut begründeten Auszeichnungen für die vorzüglichen Rocker »The Black Keys«. Das Duo aus Ohio/USA gehörte mit Preisen für den besten Rocksong, die beste Produktion, das beste Rockalbum sowie die beste Rock-Performance zu den Abräumern des Abends - übrigens ganz ohne Dekolleté.
Auf Letzteres verzichteten die meisten Preisträger, was nicht verwundert, da sie fast durchgängig männlich waren. Und jung. Wobei ausgerechnet die als »Beste Newcomer« ausgezeichneten Mitglieder der New Yorker Band »Fun« die Ausnahmen darstellten: »Wie ihr sehen könnt, sind wir gar nicht mehr jung, und machen auch schon seit zwölf Jahren Musik«, griff Sänger Nate Ruess Missverständnissen vor. Immerhin aber heißt ihr als »Bester Song« ausgezeichnetes Lied »We are Young«.
Geschmack bewies die Jury außer bei den »Black Keys« auch bei der Ehrung des Albums »Babel« der britischen Folkmusiker »Mumford & Sons«, die die Trophäe für die Platte des Jahres einheimsten. Den Preis als beste Single des Jahres nahm der Australier »Gotye« mit nach Hause. Man kann nur hoffen, dass sein totgespieltes »Somebody that I used to know« dadurch nicht noch eine Renaissance im Radio erfährt.
Von den 81 Trophäen ging nur eine einzige nach Deutschland - passenderweise für eine Wagner-Aufnahme der Deutschen Grammophon. Ist das die musikalische Parallele zu den Oscar-Verleihungen, wo man als Deutscher mit deutschen Themen immer noch am besten fährt?
Zu guter Letzt hat sich Justin Bieber als US-amerikanischer Till Schweiger geoutet. Wie Schweiger setzt der Teenieschwarm kommerziellen Erfolg irrtümlich mit Preiswürdigkeit gleich - und ist jedes Mal stinksauer, wenn er nicht nominiert wird.
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