Brasilianer: Bildung statt WM
Mehr als 200 000 Teilnehmer bei Sozialprotesten rund um den Confed Cup
Brasilien steht still, wenn der Demonstrant es will. »Wenn sich nichts ändert, werden wir Brasilien lahmlegen«, skandieren die Demonstranten seit Beginn der Proteste vor gut zwei Wochen. Allerorten strömten am Montagnachmittag Zigtausende auf die Straßen. Lautstark protestieren sie gegen die Verschwendung öffentlicher Gelder, verfehlte Stadtpolitik und korrupte Politiker. Der Verkehr brach zusammen, während es immer mehr Demonstranten wurden. Niemand hatte mit einem solchen Anschwellen der Protestwelle gerechnet, die Stimmung ist kämpferisch, aber friedlich. In der Nacht schlägt in Rio de Janeiro die Wut in Gewalt um. Hunderte Demonstranten stürmen das Landesparlament, die wenigen Polizisten im Gebäude können es kaum verteidigen. Es wurde scharf geschossen, Autos und Barrikaden brannten in den umliegenden Straßen.
In fast allen Großstädten des Landes gab es Protestmärsche. In der Hauptstadt Brasilia stürmten die Demonstranten das Gelände des Nationalkongresses, einige Hundert besetzten das Dach des Gebäudes. In São Paulo zog der Protest durch ein Reichenviertel, später ging es ebenfalls zum Parlament.
Auslöser der Protestwelle war die Anhebung der Busfahrpreise um rund sieben Prozent. Seit Jahren kämpft die Bewegung für kostenfreie öffentliche Transportmittel MPL gegen deren Privatisierung und horrende Preise für einen miserablen Service. Diesmal sind die Proteste eskaliert. Am vierten Protesttag am vergangenen Donnerstag ging die Polizei mit Tränengas, Pfefferspray und brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vor.
Bei einem Dialogversuch auf Einladung der Stadtregierung von São Paulo beharrte die MPL darauf, ausschließlich über eine Rücknahme der Preiserhöhung zu verhandeln.
»Die Preiserhöhung war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Jetzt geht es um viel mehr, die Lebenskosten sind einfach nicht mehr zu bezahlen«, sagte eine Demonstrantin. Die Transparente sind eindeutig: »Brasilien ist endlich aufgewacht«, »Es geht nicht um 20 Centavos (Preiserhöhung), es geht um Rechte« oder »Ich brauche keine WM, ich will Bildung und Gesundheit.«
Der Unmut der Menschen richtet sich direkt gegen die sportlichen Großevents - Fußball-WM und Olympische Spiele -, für die zusammen mindestens 20 Milliarden Euro an Steuergeldern ausgegeben werden. Statt sich auf das Fußballfest zu freuen, fragen sich die Leute, warum »ihre« Stadien plötzlich privatisiert werden, warum die Eintrittspreise unerschwinglich werden, warum der private Weltfußballverband FIFA bestimmen kann, was die Fans essen und trinken dürfen. Profitieren, da sind sich fast alle einig, wird kaum ein Brasilianer von dem Spektakel, ganz im Gegensatz zu den Sponsoren und korrupten Fußballfunktionären. Seite 5
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