Brot der Poesie

Uljana Wolf: Debüt und ein Stück Buchkunst

  • Klaus-Dieter Schönewerk
  • Lesedauer: 3 Min.
Der letzte Satz: »... folgt welt wohl der dichtung bei fuß« - Erfahrung nach schmerzlichem Wadenzwack der »kreisauer hunde«. Die Welt also, hier in Gestalt kläffender Dorfköter, hört auf kein Kommando, sie bleibt bei der Dichterin und in ihrem Vers. Uljana Wolf, Jahrgang 79, ist unter heutigen Jungpoeten längst eine feste Größe und doch separiert mit ihrem eigenen Ton, der erarbeiteten Knappheit, der dem Wort anhaftenden Alltäglichkeit. Ihr Debütband »kochanie ich habe brot gekauft« packt Schlüssel-erlebnisse ihrer Jugend wie das Handgepäck fürs Flugzeug. Die ewigen Fragen: Woher komme ich, wer bin ich, was soll ich hier? Wer wie Uljana Wolf von Kindheit an mit dem poetischen Wort umgeht, weiß, wie vorläufig jede ausgesprochene Antwort ist. Zuerst kommt das Sehen, das Umschauen, das Beobachten: »die verschiebung des mundes«, das Eindringen von Wirklichkeitsbruchstücken durch die Narkoseschleier im »aufwachraum«. Ein Metaphernspiel um die wandelbaren Ansichten beim Abstreifen kindlicher Gewissheiten. Unter den ersten Gedichten die Station »Deutsches Literaturarchiv Marbach« mit Motiven, die Uljana Wolfs poetisches Credo mitbestimmen. Wohlgeordnet in Karteikästen die Literatur von Frauen, die Erfahrung, in welchem Maße Dichtung aus Dichtung kommt und wie Archive auch vergessen lassen. »mein trotz ist mein werkzeug« setzt sie dagegen, aber er ist zugleich »mein verstummen«. Erste Bilanz der Jugend ein Verzeichnis ererbter und erworbener »flurstücke«, der »herr vater«, das leibliche Herrschaftsprinzip, und die Väter in der DDR-Kindheit, mit der Erinnerung an den »kleinen trompeter«, von dem als Vaterbild geblieben ist: Der »bläst uns/ wenn die herzen/ aus der deckung treten/ den marsch«. Zum Abschied dieses Teils die mit gernhardtschem Wortwitz aufgeheiterte Hymne »auf einen alten tornister«. Nun bricht die Zeit des Reisens an, der Aufbruch, das Verweilen an fremden Orten, das Graben in erdbedeckten Schichten der Literatur, die lebendige Geschichte. Nun will die Autorin den »stöpsel aus der feldherrnlosen sprache ziehen«, sie schwelgt in shakespearscher Überlieferung, ein Studienaufenthalt in Kreisau (heute zu Polen gehörig) erschließt ihr leidvolles Gestern wie »Herz und Schmerz« der Liebe. Da werden Zitate als Haken für eigene poetische Kletterseile in den Fels geschlagen, Vokabeln aus der anderen Sprache werden zu lyrischen Klangperlen geschliffen. Die dankenswerter Weise bei gegebenen Anmerkungen erschließen, dass »kochanie« im polnischen Plural für Liebste (männlich oder weiblich) steht. In diesen Kontext - welch eine Liebeserklärung an das »Du« und die Welt: »ich habe brot gekauft«. Zwei Dinge dürfen nicht unerwähnt bleiben: Der Verlag »kookbooks« mit der jungen Verlegerin Daniela Seel, die ein Gespür für e Autoren hat und Bücher wieder zur Buchkunst macht. Und nicht zuletzt der Gestalter Andreas Töpfer mit einer unerschöpflich liebevollen Fantasie, die Textvorlagen auch zu grafischen Entdeckungsreisen macht - bis hin zu miniaturisierten Figürchen neben den Seitenzahlen. Mit Recht erhält der Verlag einen Förderpreis im Wettbewerb um das »schönste Buch« bei der Leipziger Buchmesse. Uljana Wolf: kochanie ich habe brot gekauft. Gedichte. kookbooks. 72 Seiten, broschiert, 13,80 EUR.

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