- Wissen
- Kommentiert
Keine ethnische, sondern eine soziale Frage
Jürgen Amendt über den Begriff »Schüler mit Migrationshintergrund«
Seit einigen Jahren taucht in bildungspolitischen Debatten immer wieder die Formulierung »Schüler mit Migrationshintergrund« auf. Zugegeben: Von ausländischen Schülern zu sprechen wäre angesichts der Tatsache, dass es sich bei einem Großteil dieser Jugendlichen um hier Geborene handelt, unangebracht. Die Bezeichnung »Einwandererkinder« trifft es auch nicht so recht, denn in der Regel sind bereits die Eltern in Deutschland geboren und aufgewachsen. Trotzdem bildet die Formulierung die gesellschaftliche Wirklichkeit nur unzureichend ab. »Schüler mit Migrationshintergrund kommen in Deutschland oft erst auf Umwegen zu höheren Bildungsabschlüssen«, heißt es etwa in einer aktuellen Studie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Der Studie zufolge werden »die Potenziale von Kindern mit Migrationshintergrund systematisch unterschätzt«. Gründe dafür seien »mangelnde Kenntnisse der Eltern über den Aufbau des deutschen Bildungssystems sowie bestehende Vorurteile bei Schulen und Behörden«.
Falsch ist dieser Befund nicht, aber auch nicht pauschal richtig. Die Wirklichkeit ist etwas differenzierter als es die Rede von den Schülern mit Migrationshintergrund suggerieren will. Deren systematische Benachteiligung fußt weniger auf einem ethnischen denn auf einem sozialen Vorurteil bzw. Defizit. Dem Sohn und der Tochter des deutsch-türkischen Akademikers trauen Schule und Behörden in der Regel sehr wohl einen höheren Bildungsabschluss zu und die Eltern wissen durchaus, wie das deutsche Bildungssystem aufgebaut ist.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.