• Kultur
  • Buchmesse Frankfurt/Main

Im Vorhof der Revolte

Paul Colize über Rockmusik, Subkulturen und allerlei Verschwörungen

  • Florian Schmid
  • Lesedauer: 3 Min.

Was haben Rockmusik, großstädtische Subkulturen, Gewalt, die aufkommende Revolte der späten 60er und die CIA mitein-ander zu tun? Im Roman »Back up« von Paul Colize wird aus dieser Mischung eine verschwörungstheoretische Kriminalgeschichte, die sich auch als Allegorie auf die 68er-Bewegung lesen lässt.


Paul Colize: Back up.
Kriminalroman. A. d. Franz. v. Cornelia Wend.
Edition Nautilus. 352 S., br., 19,90 €.


Das ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil in drei Jahren, zum 50. Geburtstag der letzten globalen herrschaftskritischen Revolte, eine selbstgefällige Hommage über die daraus hervorgegangene politische, kulturelle und ökonomische Elite die nächste jagen dürfte. Bei dem belgischen Krimiautor Paul Colize, von dessen zahlreichen Romanen nun der erste auf Deutsch erscheint, geht es dagegen um die Verlierer dieses großen Aufbegehrens, die namenlos und handlungsunfähig in der Gegenwart vor sich hinvegetieren.

Dabei beginnt die Geschichte von Jacques Bernier, der in der Nähe von Brüssel aufwächst und sich Ende der 50er Jahre fürs Schlagzeugspielen begeistert, recht vielversprechend. Als er aber vor dem Militärdienst flieht, verschlägt es ihn für mehrere Jahrzehnte auf eine Odyssee durch Europas Großstädte. Erst hängt er mit einigen Beatniks in Paris herum, dann geht er ins London der swinging sixties, es folgt ein Zwischenstopp in West-Berlin, um dann wieder in die britische Hauptstadt zurückzukehren, die mittlerweile zum Zentrum einer hippiesken und revoltierenden Subkultur geworden ist.

Musik spielt für den Schlagzeuger Jacques, der irgendwann auch mal mit Eric Clapton auf einer Jam-Session spielt und in demselben Londoner Club wie Jimi Hendrix verkehrt, stets eine zentrale Rolle. Paul Colize führt immer wieder Alben und Lieder an, der Roman bringt die Musik der damaligen Zeit regelrecht zum Klingen. Quasi als Nachwort hat Paul Colize auch noch eine Soundtrackliste angehängt. Nur wird die heute schon etwas angestaubt wirkende Rockmusik, die damals subversive Schneisen ins gesellschaftspolitische Gefüge schlug, schließlich zum Medium, um staatliche Gewalt und geheimdienstlichen Terror in einer bis dahin gar nicht vorstellbaren Form auszuüben.

Am Anfang steht eine Mordserie, bei der eine ganze Rockband unter mysteriösen Umständen ausgelöscht wird, nachdem sie irgendwo in einem West-Berliner Keller an einer Aufnahmesession teilgenommen hat. Dabei spielt auch der Titel gebende Ersatzschlagzeuger - der sogenannte Back up - eine wichtige Rolle.

Auch wenn die Geschichte um subliminale Botschaften in Musikstücken ein wenig an den Haaren herbeigezogen ist, weiß Colize doch unglaublich spannend zu erzählen. Sein breit angelegtes Krimisujet wird so auch zu einem Roman über Subkultur- und Popgeschichte. Unterschiedlichen Erzählsträngen aus den Mittsechzigern über West-Berliner Rockmusiker, Mods, Hippies und Live-Clubs in London und einen Belfaster Journalisten, der wie ein Privatdetektiv im Fall der toten Bandmitglieder ermittelt, steht die Geschichte eines unbekannten Mannes gegenüber, der 2010 in einer belgischen Klinik im Wachkoma liegt und von seiner Vergangenheit heimgesucht wird.

»Back up« erzählt weniger die Geschichte eines politischen 68, als vielmehr einer kulturellen Revolte in progress, die ebenso zur materiellen Lebensgrundlage der meist prekär in den Tag hineinlebenden Musiker wie auch Ausgangspunkt selbstzerstörerischer Drogenkarrieren wird. Das passiert aber nicht in Form einer moralischen Attitüde. Colize lässt die 60er Jahre, die plötzlich greifbaren Möglichkeiten, etwas anders zu machen, und die gleichzeitig stattfindenden Kriege und geheimdienstlichen Aktionen als schillerndes pophistorisches Potpourri aufleben und liefert den Abgesang dazu gleich mit. Ein absolut lesenswertes Buch.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.