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Knattern mit und ohne Klavier
Das Ensemble Zeitkratzer spielt Kraftwerk-Alben nach, Daniel Brandt ist der Rhythmusmeister
Von dem Zeug, das die Popgruppe Kraftwerk in den frühen 70er Jahren in ihrer ersten Inkarnation (u.a. mit Flöte, Schlagzeug, Cello, Geige, Glocken, Orgel) aufgenommen hat - darunter etwa so grandios Verstrahltes wie das Stück »Stratovarius«, in dem zu hören ist, wie ein tinnitusartiges Wimmern und Tönen in ein robustes Knattern übergeht, und das bereits eine Art frühen Industrial-Sound antizipiert -, will das bis heute mit ein paar Helfern unter dem Namen Kraftwerk tourende Gründungsmitglied Ralf Hütter nichts mehr wissen. Womöglich klingt ihm das heute alles zu freejazzig, zu krautrockig und zu sehr nach drogeninduzierter Langhaarigen-Musik. Es will wohl nicht in das Kraftwerk-Image der cleanen, modernistischen New-Wave-Erfinder und Techno-Vorläufer passen, das Hütter pflegt.
Das Neue-Musik-Ensemble Zeitkratzer, das vor kurzem seinen 20. Geburtstag feierte und bekannt ist sowohl für seine intensive Beschäftigung mit den Werken von Komponisten wie John Cage oder Karlheinz Stockhausen als auch für seine fein gewirkten Neuinterpretationen von popmusikalisch Gewagtem und Randständigem, hat sich diese ganz alten Kraftwerk-Aufnahmen, in denen die Gruppe im Wesentlichen aus dem Duo Florian Schneider/Ralf Hütter bestand, nun vorgenommen und Coverversionen einiger Tracks aus den frühen Alben »Kraftwerk« und »Kraftwerk 2« hergestellt. Mit diesen Coverversionen, mit denen sich das Ensemble bewusst »formal, atmosphärisch und klangästhetisch eng am Original« bewegt, wie bereits der Südwestrundfunk festgestellt hat, will man das alte Kraftwerk-Material, das von Hütter vernachlässigt und auch nicht wiederveröffentlicht wird, einer interessierten Hörerschaft wieder zugänglich machen. Sehr schön.
Doch kommen wir jetzt von einem klassischen Musikensemble, das alte Krautrock-Unterhaltungsmusik spielt, zu einem klassischen Musiker, der neue, vom Krautrock inspirierte Unterhaltungsmusik spielt: Daniel Brandt gehört dem Brandt-Brauer-Frick-Ensemble an, einer Art modernem Kammerorchester, das, was seine Arbeit mit repetitiven Grooves angeht, in gewisser Weise ein kleines bisschen mit der Popband Kraftwerk in ihrer späteren Inkarnation verwandt ist und das wiederum zeitweise eine Art Techno mithilfe klassischer Musikinstrumente (Klavier, Cello, Posaune) produzierte. Entsprechend ist das erste Soloalbum des Perkussionisten, der hier fast alle Instrumente spielt, ein sehr cleveres, im besten Sinn ruheloses Rhythmusmonster: Über weite Teile herrscht hier eine fein austarierte Mischform aus extrem dynamischen Grooves und nervösen Rhythmen, die einander jeweils überraschend ablösen. Seine Absicht, so Brandt, sei es gewesen, Stücke zu machen, »die sich wie Dance-Tracks aufbauen und sich dennoch nicht wie Clubmusik anfühlen«. Tanzen kann man dazu also, man muss nur höllisch aufpassen, nicht aus dem sich rasant und fortwährend ändernden Takt zu geraten.
Zeitkratzer: »Zeitkratzer performs songs from ›Kraftwerk‹ and ›Kraftwerk 2‹« (Zeitkratzer Productions/Karlrecords/Broken Silence)
Daniel Brandt: »Eternal Something« (Erased Tapes/Indigo)
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