Keine Scheu vor Ferndiagnosen

Schwedische Netzärzte expandieren - und es scheint nur eine Frage der Zeit, wann sie auch nach Deutschland kommen

  • Bengt Arvidsson
  • Lesedauer: 3 Min.

In Schweden digitalisiert sich derzeit eine Branche, die bislang vom Internetzeitalter weitgehend unberührt war. In den Büroräumen des Internet-Arztanbieters Kry auf der Kungsgatan in Stockholm erinnert nichts an eine klassische Arztpraxis. Das Personal sitzt wie in einem Callcenter an aneinandergereihten Tischen. Untersuchungs- und Wartezimmer gibt es nicht. Auch keine Sprechstundenhilfen. Die meisten der rund 80 Allgemeinärzte sind nicht einmal vor Ort. Sie sitzen zu Hause in ihrem Sommerhäuschen oder im Ausland über ihren Laptop gebeugt.

Immer mehr kranke Schweden verzichten auf den Besuch üblicher Allgemeinarztpraxen und konsultieren einen Doktor über ihr Smartphone bei Kry oder seinem Rivalen Min Doktor. Kry hat seinen Umsatz in einem Jahr verzehnfacht und will weiter wachsen. Auch Kinder- und Hautärzte, Psychiater und Psychologen sollen ans Smartphone.

Zudem will der Dienst nach Deutschland, wo das Regelwerk ihm derzeit noch einige Probleme bereitet. »Die Frage ist nicht, ob unser Dienst nach Deutschland kommt, sondern wann«, meint der junge Firmengründer Johannes Schildt. Die Gesundheitssysteme sind vergleichbar. Private Anbieter rechnen ihre Leistungen in Schweden aber über die Gemeinde ab, die sie aus Steuergeldern bezahlt.

Zunächst muss ein Patient eine App im Smartphone installieren. Über die allen Schweden zugängliche mobile Bank-ID wird der Patient identifiziert und die Patientengebühr von 250 Kronen (25 Euro) bezahlt. Die Patienten klicken sich dann durch automatisierte Fragen zu ihrem Leiden durch. Dann können sie sich einen der mit Foto angezeigten Ärzte buchen, die auch Zeit haben. Oft schon nach fünf Minuten ruft dieser im Videomodus an. Der Arzt hat beim Gespräch schon alle Grundinformationen. Über die digitale schwedische Patientenkartei kann er auch Informationen von früheren Arztbesuchen abrufen.

Das Gespräch ist wie beim Allgemeinarzt dann auf 15 Minuten angelegt, verläuft aber in der Regel kürzer. Kry-Ärzte schaffen doppelt so viele Patienten in der gleichen Zeit wie gewöhnliche Ärzte, so Schildt. Eine Ferndiagnose wird durchgeführt, Überweisungen und Rezepte werden elektronisch erstellt.

Der digitale Apothekendienst bietet dann auch gleich die Heimlieferung der Medikamente an. Wenn das Leiden nicht im Internet behandelt werden kann, wird der Patient auf eine normale Praxis verwiesen.

In Schweden muss man bis zu zwei Wochen auf einen Termin beim Allgemeinarzt warten, wenn es sich nicht um einen Akutfall handelt. Kry bietet generöse Öffnungszeiten in der Woche zwischen sieben Uhr und Mitternacht und am Wochenende von acht bis 22 Uhr an. »Unser Volumen entspricht derzeit etwa 100.000 Patienten pro Jahr«, sagt Schildt.

Aber auch die Kritik wächst. So will der Verband der Regionen und Kommunen SKL die Auszahlungen an Netzärzte pro Patientenbesuch auf 650 Kronen halbieren, weil die Kosten ja auch niedriger seien. Auch wird kritisiert, dass die Hemmschwelle für den Arztbesuch gesenkt wird.

Schon jetzt sind viele Besuche beim Allgemeinarzt eigentlich unnötig. Laut Kontrollen in den Regionen Värmland und Jönköping verschreiben Netzärzte zudem unnötig viel Antibiotika und behandeln auch Patienten über Distanz, deren Diagnosen eigentlich eine körperliche Untersuchung und den direkten Kontakt zwingend machen.

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