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50 plus
Das neue Album der Sparks, die heute eine böse Rentnerband sind, heißt »Hippopotamus«
Pop ist für Junge. Es ist deshalb völlig in Ordnung, dass von den geschätzt acht Millionen aktiven Popbands auf der Welt 7 999 999 Titel wie »Sie liebt dich, jäh, jäh, jäh!« (Beatles), »Müffelt arg nach Teenagergeist« (Nirvana) oder »Ups, jetzt hab’ ich’s ja schon wieder getan« (Britney Spears) darbieten. Aber es ist ebenso in Ordnung, dass es eine Band gibt, die für die Generation 50 plus die Antwort auf das »Hoffentlich sterbe ich, bevor ich alt bin« der Who geschrieben hat. Der Song endet mit den Worten: »Schnell leben, früh sterben - dafür ist es endgültig zu spät« (»Edith Piaf«). Die böse Rentnerband sind die Sparks. Sie besteht aus zwei kalifornischen Exzentrikern um die 70, Ron und Russell Mael. Ihr letzte Woche erschienenes Album heißt »Hippopotamus«.
Der Titelsong funktioniert wie ein Abzählvers. Wir haben einen Pool, in den, aus unerfindlichen Gründen, nacheinander stürzen: ein Nilpferd, ein Gemälde von Hieronymus Bosch, ein Hippiebus (Baujahr 1958), eine Chinesin mit Rechenschieber und Titus Andronicus.
Titus Andronicus, die Älteren unter uns wissen es, ist der Held des blutigsten und bizarrsten Stücks, das Shakespeare geschrieben hat. Es ist so blutig und bizarr, dass, obwohl er auch sonst nicht an Blut und Bizarrerie gespart hat, lange an der Autorschaft Shakespeares gezweifelt worden ist. Die mit Abstand harmloseste Episode darin ist, dass sich Titus sinnloserweise eine Hand abhackt. Unbekümmert darum singt Russell Mael: »Titus Andronicus schwimmt exzellent / Und wirkt adretter, als man ihn kennt.« Das opernhaft-elegische »Life With the Macbeths« macht aus einem Shakespeare-Stück eine TV-Show. »Bei jedem Mord steigen die Quoten.« Es scheint, der Alte hat das schon gewusst.
Mit »Giddy, Giddy« wird die ganze Stadt »giddy«, also flach und flippig. Das hüpft so lustig daher, dass man gern flach und flippig hinterdreinhüpfen möchte. In »So Tell Me Mrs. Lincoln« ergeht die Frage an die Präsidentengattin, wie ihr das Stück gefallen hat, während dessen Aufführung Lincoln erschossen worden ist (es war die Komödie »Our American Cousin«).
Wie zuvor Orlando di Lasso, Heinrich Schütz und Carl Ditters von Dittersdorf vertonen die Sparks das biblische Buch Hiob. Darin, die noch Älteren unter uns wissen es, wendet sich Hiob mit Klagen an Gott, der ihn bescheidet, er müsse sich noch um eine Menge anderen Kram kümmern, Monde, Wolken, Maultiere und weiß der Kuckuck, um was alles noch. Die Sparks fassen Gottes Antwort in der Zeile zusammen: »Was zur Hölle hast du jetzt schon wieder?« (»What the Hell Is It This Time?«)
Und das ist, weitere Beispiele wären leicht zu bringen, die Welt der Sparks: derart düster, dass es geradezu komisch ist. Hart kommt es den Fan an, dass Tammy Glover nicht mehr an den Drums sitzt, aber wenn ein Album so gut arrangiert ist wie dieses, bringt es uns auch ohne sie über den Winter.
Sparks: »Hippopotamus« (BMG / PIAS / Rough Trade)
Ihr einziges Deutschlandkonzert geben die Sparks am Dienstag, 12.9., um 20 Uhr in der Berliner Columbiahalle.
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