• Kultur
  • Micah P. Hinson / Tricky

Geburt, Scheitern, Tod

Hinson & Tricky

  • Thomas Blum
  • Lesedauer: 2 Min.

Eine Wimmergitarre, eine Violine, ein Piano, ein blechern zischendes Becken. Überhaupt hören wir hier nur analoge musikalische Gerätschaften. Manchmal meint man gar, das sanfte Rauschen der Tonbänder zu hören. Das ist sehr US-amerikanische Musik, allerdings keine von der Sorte, die die Größe der Nation feiert. Sondern Musik von unten, ein von Wehmut, Vergeblichkeit und Trauer inspirierter Country-Folk, der von der dunklen Seite des Daseins erzählt. Songs von Johnny Cash, Woody Guthrie und Leonard Cohen fallen einem rasch ein.

Natürlich geht es auch um die Liebe, allerdings um eine, die ihre eigene Negation und ihr Scheitern gleich mitliefert: »You’re just the girl of my dreams / But it seems that my dreams never come true.« Die Geschichte einer Familie wird erzählt auf diesem Konzeptalbum: Geburt, Kindheit, Aufwachsen, Liebe, Familiengründung, Freud und Leid, nicht gelingendes Leben, Gewalt, Krieg, Verlust, Verzweiflung, Tod. Man kann also nicht sagen, dass es hier um Pipifax geht. Eher um die großen Dinge. Und um den spätestens seit der Machtübernahme Donald Trumps einsetzenden Niedergang des amerikanischen Traums.

Der Texaner Micah P. Hinson, der mit brüchiger Baritonstimme seine nicht gerade als lebensbejahend zu bezeichnenden Weisen singt und der auf Fotos »aussieht wie ein jugendlicher Hilfsarbeiter auf einer Farm« (»Musikexpress«), nennt sein siebtes Album eine »Folk-Oper«. Nun ja. Jedenfalls macht der kauzige Geschichtenerzähler Hinson, der im Rahmen seiner Interpretation von Folk, Blues und Countrymusik nie der Verklärung zuneigt, sondern dem alten Auftrag dieser Musiktraditionen, vom ungeschönten wahren Leben, seinen Härten und Schattenseiten zu erzählen, viele Dinge richtig: Er vertraut sparsamen Arrangements, lässt seinen staubig klingenden Liedern die Zeit, sich zu entfalten, hält sich von Überwältigungsästhetik fern. Und erzählt uns von transzendentaler Obdachlosigkeit und der Abwesenheit des Trostes. Guter Mann.

Auch nicht gerade als Garant für Lebensfreude galt bisher der britische Musiker und Trip-Hop-Miterfinder Adrian Thaws alias Tricky. Dessen 13. Album wartet zwar wieder mit Titeln auf, die »Dark days« oder »When we die« heißen. Doch tatsächlich scheint die Depression verschwunden. Wie gewohnt sprechsingtflüstert Tricky sich zwar teils durch die üblichen dunkel grummelnden Downtempo-Beats. Ein Problem scheint aber zu sein, dass er immer wieder den düster-hypnotischen Kopfnicker-Sound der Alben seiner Frühzeit reproduzieren will. Was nicht die beste Idee ist, wenn man auch fortschreiten könnte in neue Gefilde. Der Rest der Platte ist gefüllt mit eher gefälligem Elektropop.

Micah P. Hinson: »The Holy Strangers« (Full Time Hobby/Rough Trade); Tricky: »Ununiform« (False Idols/!K7)

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