Mit gezogener Waffe gegen Jugendliche

Zwei Fan-Sozialarbeiter über die nicht öffentlichen Gespräche mit DFB und DFL und das fragwürdige Vorgehen der Polizei

Die Gespräche zwischen Fans und Verbänden finden seit Monaten hinter verschlossenen Türen stattfinden. Worum geht es überhaupt?
Michael Gabriel: Um die Auswüchse der Kommerzialisierung, den Erhalt der 50plus1-Regel, die den Einfluss von Sponsoren begrenzt, um Korruption, auch um die Sportgerichtsbarkeit. Es geht um Themen, die die ganze Fankurve betreffen und von fast allen vertreten werden.

Sehen Sie die Chance auf echte Ergebnisse?
Sophia Gerschel: Es wird eine Empfehlung an die Vereine geben, den Umgang mit Fanutensilien zu vereinheitlichen. Und ich kann mir auch kaum vorstellen, dass man zu Kollektivstrafen zurückkehrt.

Zu den Personen
»Krieg dem DFB« – unter diesem Motto standen die Fanproteste am Ende der vergangenen Saison. Seit diesem Sommer gab es mehrere nicht öffentliche Gesprächsrunden zwischen Fanvertretern, dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga. Darüber sprach Christoph Ruf mit Sophia Gerschel (Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte) und Michael Gabriel (Koordinierungsstelle Fanprojekte). Ihr Fazit fällt überraschend aus: Lob für die Verbände. Und umso mehr Kritik am jüngsten Vorgehen der Polizei.

Aber geben die Verbände auch bei den Themen nach, bei denen es um viel Geld geht? Würde man die Spieltagszersplitterung rückgängig machen, hätte das Abstriche beim Fernsehgeld zur Folge.
Sophia Gerschel: Natürlich weiß jeder Fan, dass das Geld die Macht hat. Das werden die Fankurven im Grundsatz nicht verändern, da sind sie pragmatisch genug. Wichtig wird sein, dass es zu substanziellen Verbesserungen bei Punkten kommt, die ihnen wichtig sind.

In Dresden und Darmstadt waren jüngst die von Sozialarbeitern geleiteten Fanprojekte von Razzien der Polizei betroffen. Wie bewerten Sie das?
Sophia Gerschel: Das ist ein Schlag für alle Fanprojekte. Hier macht die Justiz ihre fehlende Anerkennung und Respektlosigkeit gegenüber unserer Arbeit sehr deutlich. Die immer wieder geforderte konstruktive Kommunikation der Fanprojekte mit der Polizei wird durch solche Vorgehensweisen sicher nicht gefördert.

Michael Gabriel: Und leider passen die beiden Fälle ganz gut dazu, wie sich die Polizei in den vergangenen Wochen Fans gegenüber verhalten hat. In dieser Saison haben jeweils Hunderte Fans aus Bremen, Dortmund, Dresden oder Schalke die Stadien gar nicht erst erreicht, weil sie in polizeiliche Maßnahmen gekommen sind. Und zwar ohne, dass es vorher groß strafwürdiges Verhalten gegeben hätte.

Wie wird das begründet?
Sophia Gerschel: Der Vorwurf ist da oft die »konspirative Anreise«. Dabei ist die individuelle Bewegungsfreiheit im Grundgesetz garantiert. Diese präventivpolizeiliche Maßnahme wird von den Fans als äußerst ungerecht empfunden und lässt sie oft ohnmächtig zurück.

In Hamburg wurden im dritten Jahr in Folge Bremer Ultras zum Spiel ihres SV Werder gar nicht erst ins Stadion gelassen.
Sophia Gerschel: Dieses Jahr ist es richtig eskaliert. Polizeibeamte, die nicht als solche zu erkennen waren, haben Bremer Jugendliche mit gezogener Waffe aus ihren Autos geholt. Da muss man sich mal in die Haut eines Jugendlichen versetzen, der eigentlich nur zum Fußball wollte.

Wir leben in einem Rechtsstaat. Es steht also jedem frei, vor Gericht klären zu lassen, was rechtens ist und was nicht.
Sophia Gerschel: Die Polizei kann aber mit »Gefahrenabwehr« im Grunde jede Maßnahme begründen, und darüber entscheidet nur die Polizei. Und die Verfahren, die später von den Betroffenen angestrengt werden, dauern oft Jahre, kosten Zeit und Geld.

Michael Gabriel: Deswegen muss man aufhören, Fußballfans ständig als große Gefahr darzustellen. Ich zitiere da den Landespolizeipräsidenten aus Baden-Württemberg, der kürzlich dargestellt hat, dass in drei Tagen Southside-Festival - im Übrigen ein völlig unproblematisches Rockfestival - mehr Straftaten verzeichnet werden als beim Fußball.

Inwiefern beeinflussen die jüngsten Polizeimaßnahmen Ihre Arbeit als Fanprojekte?
Sophia Gerschel: Unser Ansatz ist ja, auf Kommunikation zu setzen. Die Fans sagen aber zunehmend: »Was sollen wir denn mit denen reden? Die machen doch eh was sie wollen.« Große Sorgen macht uns, welches Bild des Staates und seiner Institutionen bei den jungen Menschen so entsteht.

Michael Gabriel: Es kippt gerade Einiges. Aufgrund der vielen als willkürlich empfundenen Polizeimaßnahmen, lässt auch in den Kurven die Bereitschaft zur Verständigung nach. Diejenigen, die auf Eskalation setzen, bekommen Zulauf. Deswegen ist es ja auch so bemerkenswert, dass DFB und DFL gerade einen anderen Weg gehen als Polizei und Politik.

Sie loben den DFB?
Sophia Gerschel: Wir haben beim DFB-Präsidenten Reinhard Grindel den Eindruck, dass er wirklich etwas verändern will. Er schickt niemanden vor und geht selbst zu den Gesprächen. Gleiches gilt auch für die DFL. Es ist schon sehr bemerkenswert, dass die Verbände gerade einen ganz anderen Weg gehen als Polizei und Politik.

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