Wer ins Kino geht, leistet Widerstand

  • cba⋌
  • Lesedauer: 2 Min.

Immer weniger Menschen beigeistern sich für das Kino. Seit die Sucht nach Serien vor allem unter Studierten zum vorgeblichen Ausweis unermesslicher Intellektualität geworden ist, umweht das Lichtspielhaus ein Hauch von Anachronismus. Dabei ist gerade das Kino, selbst in der auf Gewinnmaximierung geprügelten Multiplexsparte, einer der letzten Zufluchtsorte gegen die marktkonforme Zurichtung des Menschen. Nirgendwo verteidigt die Kunst beharrlicher die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Während relevante Teile der Literatur, des Theaters und der bildenden Kunst im Brackwasser der Authentizitätsbeliebigkeit schwimmen, bleibt das Kino ein Spielplatz der Illusionen. In einem geschlossenen Raum wird eine abgeschlossene Geschichte erzählt, und niemand kann während dieser zwei Stunden Sprachnachrichten absetzen, twittern, E-Mails checken, Computerspiele zocken oder sich anderweitig mehreren Aufgaben zur selben Zeit widmen. Wer ins Kino geht, leistet Widerstand gegen den Multitaskingterror.

Richard Thieler hat in den vergangenen acht Jahren an 123 Orten 400 Kinos fotografiert. Einen Querschnitt seiner Bilder zeigt die Galerie Poll ab diesem Samstag in einer Ausstellung. Die Namen der Kinos verraten, dass viele Filmtheater vor vielen Jahrzehnten entstanden sind: »Lichtblick«, »Schauburg«, »Titania«, »Gloria«. Die Fassaden der Gebäude sollten mit Leuchtschrift das neue Medium aufwerten. Ab den fünfziger Jahren wurden durch die Entstehung des Fernsehens solche Bauten seltener. Pompöse, vorwiegend an Autobahnverteilern und gerne in Shoppingmalls platzierte Funktionsresidenzen übernahmen spätestens in den achtziger Jahren das Ruder. Dort sind überwiegend Franchise-Produktionen aus Hollywood zu sehen, um die Umsatzeinbußen durch das bei richtigen Filmen fernbleibende Massenpublikum aufzufangen.

Thieler nähert sich den Kinos meist in der Frontalansicht. Seine ausdifferenzierten Farbaufnahmen bringen die Schönheit dieser magischen Orte zur Geltung. Die Fotografien zeigen, dass Kino mehr kann - und dass dieser die Filmkunst feiernde Ort sich heute eine Nische erobert hat. cba

Foto: Richard Thieler/courtesy Galerie Poll Berlin

»Capitol, Gloria, Schauburg. Kino-Fotografien von Richard Thieler«, bis zum 24. Februar in der Galerie Poll, Gipsstraße 3, Mitte

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.