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Durch die Lücken im System
Ein Parlamentsbericht wirft Bradley Wiggins vor, beim Tour-de-France-Sieg 2012 betrogen zu haben
Der Sportausschuss des britischen Unterhauses hat nach der Veröffentlichung mehrerer Medienberichte in der Vergangenheit viel untersucht: das russische Dopingsystem, die korrupten Machenschaften des Internationalen Leichtathletikverbands - und das Team Sky, das sehr eng mit dem öffentlich geförderten nationalen Radsportverband British Cycling verwoben ist. Das Urteil ist vernichtend: Der erste britische Sieger der Tour de France, Bradley Wiggins, soll bei jenem Erfolg 2012 betrogen haben, indem er Lücken des Systems ausnutzte, als er sich mit dem Asthmamittel Triamcinolon behandeln ließ. »Wir glauben, das Kortikosteroid wurde genutzt, um Bradley Wiggins, und vielleicht andere Fahrer, auf die Tour de France vorzubereiten. Dabei ging es nicht um medizinisch notwendige Behandlungen, sondern um die Verbesserung des Verhältnisses von Kraft und Körpergewicht«, heißt es im Report. Im Training war das Mittel zwar erlaubt, dank einer ärztlichen Ausnahmegenehmigung konnte Wiggins aber auch während der Tour nachhelfen.
Team Sky vertritt bislang die Linie, Mittel nur zur medizinischen Behandlung einzusetzen. Wiggins beharrt auch weiterhin darauf. In einer ersten Reaktion verteidigte er sich via Twitter: »Ich weise die Behauptung entschieden zurück, jegliches Medikament ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen zu haben.« Jene Behauptung basiert offenbar auch nur auf der Aussage eines einzigen anonymen Whistleblowers, der vom Parlamentsausschuss jedoch als glaubwürdig eingeschätzt wird - ein britischer Grigori Rodtschenkow, wenn man so will.
Sky steckt jedenfalls in seiner tiefsten Glaubwürdigkeitskrise. Vergangene Woche berichtete die »Daily Mail« bereits, dass 2011 verbotene Testosteronpflaster zum Hauptsitz von Sky und British Cycling in Manchester geliefert worden waren. Das Team behauptet, man habe das Paket nie bestellt und umgehend zurückgesandt. Im selben Jahr hatte ein Teamarzt in Frankreich Wiggins mit einem Mittel versorgt, das extra aus Manchester eingeflogen worden war. Laut Sky sei es nur das erlaubte Fluimucil gewesen, das man sich aber auch vor Ort hätte besorgen können.
Teamchef David Brailsford sprach stets davon, dass seine Mannschaft »sauber gewinnt«. Vor dem Ausschuss aber gab er zu, nicht zu wissen, was die Ärzte den Fahrern verschrieben haben. Zudem ist der Begriff »sauber« auch sehr dehnbar. Schließlich habe Wiggins offiziell nie gegen die Antidopingregularien verstoßen, meint selbst der Sportausschuss. Dabei ist diskussionswürdig, ob der Missbrauch einer Ausnahmegenehmigung nicht doch einen Verstoß darstellt.
Da Sky und British Cycling gegen eigene Compliance-Regeln verstießen und die Behandlungen von Wiggins nicht dokumentierten, war es dem Ausschuss und der britischen Antidopingbehörde UKAD unmöglich, Beweise zu sichten - eine weitere Parallele mit dem russischen Manipulationssystem von Sotschi, in dem vermeintlich positive Proben hundertfach vernichtet worden waren. Dem Dachverband UK Sports wurde nun empfohlen, British Cycling dafür finanziell zu bestrafen.
Bei all der Aufregung gerät fast in Vergessenheit, dass auch Wiggins noch erfolgreicherer Nachfolger Chris Froome ein Dopingproblem hat. Er wurde im Herbst 2017 positiv auf Salbutamol getestet - ein Asthmamittel, für das Froome eine Ausnahmegenehmigung hat. Jedoch hatte er das Doppelte der erlaubten Menge in sich. Der 32-Jährige beteuert seine Unschuld. Unverständlicherweise hat der Weltverband UCI noch immer kein Verfahren gegen ihn eröffnet, so dass Froome weiter Rennen fährt. Vielleicht hat auch er einen Weg durch die Lücken im System gefunden.
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