Posthume Versöhnung

Nach den Weimarer Klassikern folgt Sigrid Damm diesmal den Spuren ihres Vaters in Gotha - aber ihr Buch bleibt blass

  • Michael Hametner
  • Lesedauer: 4 Min.

Sigrid Damm ist Deutschlands wohl bedeutendste Biografin deutscher Literaten vor allem des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts. Zuletzt war sie nur noch mit Goethe beschäftigt. Damm schlug über den Alten aus Weimar immer noch ein neues Kapitel auf, wobei das Material schon dünn wurde. Groß noch einmal das letzte dieser Bücher, in dem sie Goethes Beziehung zu Frau von Stein nachspürte und sie aus seinen Briefen und Zetteln als einen wunderbaren »Sommerregen der Liebe« herauslas. In ihrem neuen Buch »Im Kreis treibt die Zeit« hat Sigrid Damm sich indessen ihrem Vater zugewandt, mit dem sie bis zwei Jahre vor dessen Tod in ungeklärter Spannung gelebt hatte.

Es war, wie es wohl oft bei einem zerrütteten Verhältnis zu einem nahen Menschen ist: Irgendwann hört man wenig Schmeichelhaftes über diese Person und macht es sich ungeprüft zu eigen. Sigrid Damms Großvater, eine Familienautorität, hat das Gift in das Vaterbild gespritzt. Er beschwor seine Tochter, Sigrid Damms Mutter, sich zu trennen. Das Wort Scheidung fiel hinter der Tür, vor der auf der anderen Seite die fünf- oder sechsjährige Sigrid stand und lauschte.

Als die Mutter 1991 stirbt und der Vater allein zurückbleibt, hat die Tochter noch zwei Jahre mit ihm bei ihren Besuchen in Gotha. 1993 stirbt der Vater neunzigjährig. Sie erlebt ihn in seiner letzten Zeit als einen anderen Vater als den von Großvater und Mutter dargestellten: einen ruhigen, klugen, herzlichen Mann, der nicht ohne Stolz auf sein Leben zurückblicken kann.

Sigrid Damm sichert bei der Wohnungsauflösung eine Mappe mit Dokumenten und Fotos und geht dann, wie es die Kunst der Biografin ist, in den 2010er Jahren in langen Recherchen den Spuren seines Lebens nach. Dabei stößt sie auf einen Mann, der immer versucht hat, anständig zu sein. Auch wenn er 1937 in die Nazi-Partei eingetreten ist, hat er seine Seele nicht verkauft. Nie wollte er aus dem Krieg nach Gotha zurückkehren, wo damals die Russen das Sagen hatten. Er macht es im Frühjahr 1949 dann doch, kehrt zu seiner Familie zurück, zu seiner kranken Tochter Sigrid.

Der DDR gegenüber bleibt er auf Distanz. In Konflikten fällt von ihm häufig der Satz: Wären wir nur nach dem Westen gegangen. Ein Satz, den Sigrid Damm als Tochter, die sich lange den Idealen der DDR verpflichtet hatte, wie sie offen bekundet, oft kritisch zurückwies - kritisch und besserwisserisch, wie sie rückblickend beschämt einräumt.

»Im Kreis treibt die Zeit« ist eine posthume Aussöhnung von Sigrid Damm mit ihrem Vater. Das dürfte doch wohl Stoff für ein gutes Buch sein, möchte man meinen. Ist es aber nicht. Plötzlich wird einem klar, dass bisher Goethe - als Goethe allein, als Goethe mit Christiane, als Goethe mit Cornelia, als Goethe mit seinen Enkeln, als Goethe mit Frau von Stein sowie Schiller und Lenz - ihr Held waren und dessen Fragen ans Leben und Antworten immer eine literaturfähige Höhe besaßen. Ja, sie waren oft bereits Literatur. Das aber ist bei Sigrid Damms Vater in seltenen Momenten der Fall. Wirklich Aufsehen erregende Lebensfragen werden nicht freigelegt.

Zu oft wird der Vater nur Vorwand für Gothaer Stadtgeschichte, die schnell im bereits Bekannten steckenbleibt. Die Autorin ahnt die Kritik und versucht ihr nach seitenweisen Abhandlungen mit dem Satz: »Das alles ist aus Geschichtsbüchern bekannt« zuvor zu kommen. Manchmal ist die Vatergeschichte erkennbar nur Vorwand, um Historisches - beispielsweise ihr Wissen über Herzog Ernst den Frommen aus dem 17. Jahrhundert - zu erzählen, bei dem sie sich besser auskennt.

Die ungewohnte Unsicherheit der Sigrid Damm geht bis in ihre Sprache hinein. Die Rede ist von der »Neugier auf ihren lebendigen pulsierenden Leib« - gemeint ist die Stadt Gotha. Oder es heißt sehr floskelhaft und allgemein, dass die Eltern in Gotha »am kulturellen Leben« teilnahmen. Leider gäbe es noch mehr Beispiele.

Sigrid Damm hat uns mit vielen wunderbaren biografischen Recherchen beschenkt - ihr Versuch, das Bild ihres Vaters zu finden, schließt sich daran leider nicht an.

Sigrid Damm: Im Kreis treibt die Zeit. Insel-Verlag, 278 S., geb. 22 €.

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