Kaiserwetter in Moskau
Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne
Dass die Japaner mittels der Fairplay-Wertung von der Vorrunde in das Achtelfinale rutschten, war ein kleines Wunder; doch es gibt dieser Tage auch sehr große Wunder. Dank der halbwegs neuen Regelung wird die deutsche Fußballnationalmannschaft in das Finale einziehen! Jogis Jungs sind am 15. Juli in Moskau dabei. Wegen des Super-Fairplays der Deutschen über all die Jahre: 1989, die friedliche Revolution; 2002, der Euro für alle; 2006, die Erfindung der Fan-Meile. Diese Reihe kann beliebig fortgesetzt werden oder auch zurückgesetzt: 1982, Nicole schenkt der Welt »Ein bisschen Frieden«; 1970, der Bundeskanzler verteilt Bonbons in der Zone.
»Fair geht vor!«, argumentierte Kaiser Franz auf der heimlichen FIFA-Tagung. Die Deutschen hätten höhere Ansprüche auf das Finale als zum Beispiel die Spanier, obwohl die immer nur zurückspielen. Und überhaupt: Die DDR sei auch für das Finale qualifiziert, deren Spieler mussten seit fast drei Jahrzehnten keine gelbe Karte kassieren. So rutsche man in der ewigen FIFA-Tabelle nach oben. Keine Frage, es wird ein spannendes Finale. Denn schon das bisher einzige deutsch-deutsche Duell bei der ersten Heim-WM ging knapp aus. 1:0 für die Ostler, 1974 in Hamburg.
So richtig heiß auf ein erneutes Treffen schienen beide Truppen jedoch nie gewesen zu sein. Im Sommer 1990 sollte es anlässlich der Vereinigung der beiden Fußballverbände in Leipzig zu einem Spiel kommen, aber das drohte zu einem Gipfeltreffen der Gewalttäter von Rhein und Ruhr sowie von Elbe und Spree zu werden. Nee, nee. Doch im Sommer 2018 wird alles gut. Friede, Freude, Völkerfreundschaft. BRD gegen DDR, an einem Sonntag im Juli in Moskau, das klingt doch. Da können weder Reichsbürger noch Gendernauten meckern. Jetzt noch schnell das deutsche zu voreilig auf belgisches umgenähte Schwarz-Rot-Gold zurückgezaubert - und schon grüßt Robert Blum freundlich aus dem All.
Doch wer wird spielen? Die westdeutsche Aufstellung zeichnet sich ab. Es werden die Recken der Vorrunde sein, aus Leverkusen und London, aus München und Madrid. Die kennen wir aus dem Fernsehen und der »Fußball Bild«, also aus den Medien, die zu wenig aus den Unterklassen berichten. Doch eine schlagkräftige Truppe sollte man zwischen Rostock und Aue zusammenbekommen. Es gibt sogar Bundesligisten in Jena, Magdeburg, Dresden und anderswo. Und dann erst die tapferen Regionalligaspieler von Babelsberg 03 und vom BFC Dynamo.
Doch wer wird das Endspiel kommentieren? Die Westler favorisieren Angelika, Angelika, vom Fernsehen in der DDR. Diese Sexisten. Unter den Ostlern genießt die ehemalige Dschungelcamp-Königin Melanie Müller hohes Ansehen. Es soll laut Beckenbauer eine Ostlerin sein, allerdings keine Japanerin, trotz Fairplay; vor allem keine aus dem Umfeld von Jürgen Sparwasser, dem einstigen Torschützen zum 1:0, dagegen ist Kaiser Franz nun wirklich. Die Berliner Fan-Meile soll sich übrigens von der Heerstraße bis Alt-Friedrichsfelde erstrecken, allerdings nicht bis zur Moskauer Chaussee der Enthusiasten. Sport frei!
Alle Kolumnen unter: dasND.de/abseits
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.