Sinn und Vorteil der Verundeutlichung

Hans Blumenberg - eine Biografie

  • Harald Loch
  • Lesedauer: 3 Min.

Einer der wichtigsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts, dessen 100. Geburtstag sich just jährte, ist heute einer breiteren Öffentlichkeit kaum mehr bekannt: Hans Blumenberg. Er wurde seinerzeit vor allem mit seinen Arbeiten zur Geistesgeschichte an der Wende vom Mittelalter zur frühen Neuzeit (»Die Legitimität der Neuzeit«) und in seinem in fünf einzelnen Bänden erschienenen maßstäblichen Werk über die philosophische Dimension der Metapher auch international rezipiert. Den letzten der fünf Bände hierzu, »Die nackte Wahrheit«, hat Rüdiger Zill im vergangenen Jahr aus dem Nachlass des 1996 Verstorbenen herausgegeben.

Nun hat der Mitarbeiter am Potsdamer Einstein-Forum eine »intellektuelle Biographie« über den Autor der »Paradigmen der Metaphorologie« verfasst, die zu einer Renaissance der Blumenberg-Rezeption führen dürfte und den »absoluten Leser«, der dieser zeitlebens war, in die Jetztzeit holt. In einem Wechselspiel zwischen vertiefender Werkanalyse und anekdotischer Lebensbeschreibung gelingt dem Autor, was er verheißt: eine intellektuelle Biografie.

Der am 13. Juli 1920 als Sohn einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters geborene Blumenberg musste 1933 antisemitische Demütigungen auf seinem protestantischen Lübecker Gymnasium erleiden, das er dennoch (oder erst recht) als Klassenbester verließ. Vom Studium wurde er als »Halbjude« ausgeschlossen, ebenso von der Wehrmacht. Noch Jahre nach Kriegsende erlebte er antisemitische Diskriminierungen.

Das glänzend geschriebene Buch vermittelt neben der philosophischen und der biografischen auch eine brisante zeitgeschichtliche Dimension. Es ermuntert nicht nur zu einer erneuten Lektüre der zahlreichen Originaltexte Blumenbergs, sondern auch zu einer aktuellen Auseinandersetzung vor allem mit dessen bahnbrechenden Ausführungen zum Sinn und zum Vorteil der »Verundeutlichung« in dessen Philosophie, zur Bedeutung des »Umwegs«. Zill zitiert zur Erklärung von Blumenbergs Metaphorologie einen Satz des Aufklärers Georg Christoph Lichtenberg: »Die Metapher ist weit klüger als ihr Verfasser - und so sind es viele Dinge.«

Die Entscheidung zwischen Glauben und Wissen hat Blumenberg für sich getroffen: Gott bleibt für ihn, der anfänglich Theologie studiert hatte, abgeschafft. Ob das aber Allgemeingültigkeit beanspruchen sollte, ob auch die Antwort auf das »Erkenne Dich selbst!« wirklich wünschenswert ist, das bezweifelt er mit existenzieller Vorsicht. Die Frage bleibt bei ihm offen. So ganz traut er der Aufklärung offensichtlich dann doch nicht.

Nicht offen lässt sein Biograf, dass der »absolute Leser«, wie es im Untertitel heißt, auch ein »absoluter Autor« sein wollte, der erwartet hatte, dass sein Werk nicht nur gekauft, sondern auch gelesen wird. Zill zitiert Blumenberg, der sich selbst mit einem »erfolgreichen Autor« vergleicht, dessen Werke die halbe Weltbevölkerung nicht nur gekauft, sondern auch gelesen habe. Blumenberg lässt einen solchen auf die Frage nach dessen Glück ironisch antworten: »Die Hälfte der Menschheit - gut; aber bitte: Was macht die andere Hälfte?«

Rüdiger Zill: Der absolute Leser. Hans Blumenberg. Eine intellektuelle Biographie. Suhrkamp, 816 S., geb., 38 €.

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