- Gesund leben
- Pandemiepolitik in Frankreich
Ab jetzt mit dem Virus leben
Der Wissenschaftsrat Frankreichs zieht eine gemischte Bilanz der Pandemiebekämpfung
»Es wird ihnen nicht entgangen sein, dass der Wissenschaftsrat nicht mehr existiert«, sagte Frankreichs Gesundheitsminister François Braun auf einer Pressekonferenz am Montag. Dass er für das Gremium, in dem 16 anerkannte Fachleute mehr als zwei Jahre lang ehrenamtlich mitarbeiteten, kein Wort des Dankes übrig hatte, zeugt von dem gespannten Verhältnis zwischen Rat und Regierung.
Dagegen urteilt die Zeitung »Le Monde«, dass der Rat »eine richtunggebende und von fast allen Fachleuten anerkannte Rolle bei der Meisterung der durch die Corona-Epidemie ausgelösten Krise spielte«. Die insgesamt 74 Berichte, Einschätzungen und Empfehlungen, die das Ergebnis von mehr als 300 Sitzungen waren, hätten ein breites Echo in den Medien gefunden.
Aus Sicht des Immunologen Jean-François Delfraissy hat die Medizin so viele Erfahrungen gesammelt, dass das Virus beherrschbar wurde. So die Bilanz des Arztes, der Vorsitzender des von der Regierung im Frühjahr 2020 als Beratungsgremium eingesetzten Wissenschaftsrates war. Mit der Auflösung des Gremiums am 1. August endeten in Frankreich auch alle coronabedingten Einschränkungen, mit wenigen Ausnahmen für Reisende.
»Ich hätte nie gedacht, dass die Pandemie so lange dauern und so viele immer neue Formen annehmen würde«, erklärte Delfraissy. Als größten Erfolg wertete er, dass durch die Impfung der übergroßen Mehrheit der Franzosen eine solide kollektive Immunität geschaffen wurde, mit der die Dynamik des Geschehens gebrochen worden sei.
Im Rückblick bedaure er am meisten den Umgang mit den Bewohnern der Pflegeheime und deren Angehörigen. »In der Überzeugung, das Beste für sie zu tun, haben die Direktoren der Pflegeheime und die Behörden die Gesundheit über die Menschlichkeit gestellt«, urteilte er. »Sicher war es von Fall zu Fall unterschiedlich und schwierig einzuschätzen, wann die Pflegeheime nach dem Rückgang der einzelnen Epidemiewellen wieder für die Angehörigen geöffnet werden konnten«, meinte der Wissenschaftler. So seien zusätzlich zu den schwer an Corona Erkrankten nicht wenige Alte an Kummer und Resignation gestorben, weil sie oft länger als nötig von ihren Familien getrennt waren.
Gerade im Frühjahr 2020, so Delfraissy, »hätte man hinsichtlich der Regelungen für die Schulen und die alten Menschen die Masse der Franzosen konsultieren sollen. Doch das wollten die Politiker nicht tun«. Der Mediziner bedauerte, dass so eine Chance vertan wurde, die Bevölkerungsmehrheit für die Maßnahmen zur Epidemiebekämpfung zu gewinnen und dass zu oft Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern das Feld überlassen wurde. Die Regierung war den Empfehlungen des Wissenschaftsrates nicht immer gefolgt. Im März 2021 etwa wollte Präsident Emmanuel Macron keinen Lockdown, ordnete dann aber angesichts stark steigender Infektionszahlen sogar Ausgangssperren an.
»Zweifellos wird es neue Wellen der Corona-Epidemie geben«, zeigte sich der Arzt überzeugt. »Das Virus wird auf Dauer da sein, mit seiner Fähigkeit, zu mutieren und sich zu verändern. Seine Evolution ist längst noch nicht abgeschlossen.« Er ist aber zuversichtlich, dass die Menschen mit dem Virus leben können. Das bedeute hingegen auch, »eine nicht unbeträchtliche Zahl von schweren Formen der Krankheit und von Toten zu akzeptieren, wenn dafür das wirtschaftliche und soziale Leben ungestört weitergehen kann«. Dies geschehe auf Kosten der gesundheitlich Anfälligsten und vor allem der Alten. Der Mediziner verwies darauf, dass im Juli noch täglich rund 100 Menschen in Frankreich an Corona starben. Insgesamt hat das Land in der Pandemie mehr als 150 000 Covid-19-Tote zu beklagen.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.