Berlin: Einhundert gegen Martin Sellner

Trotz Geheimhaltung des Ortes schaffen es zahlreiche Antifaschist*innen, einen Auftritt des Rechtsextremen zu stören

Antifaschistischer und nachbarschaftlicher Protest gegen Martin Sellner in Wilmersdorf
Antifaschistischer und nachbarschaftlicher Protest gegen Martin Sellner in Wilmersdorf

»Rechts wählen ist so 1933«. Dieses Plakat, mit dem die Berliner Jusos gegen eine Stimme für die AfD mobilisierten, hing noch an einen Laternenmast in der Bundesallee in Wilmersdorf. Dort hatte sich in einem Bistro am Donnerstagabend der österreichische Mitbegründer der rechtsextremen Identitären Bewegung Martin Sellner zu einem Vortrag eingemietet. Doch ungestört verlief die Veranstaltung für die circa 45 Zuhörer*innen nicht. Gegen 19 Uhr waren in Wilmersdorf laute antifaschistische Parolen zu hören. Etwa 100 Antifaschist*innen sind mit einer spontanen Demonstration vor dem Gebäude aufgetaucht. Viele junge Menschen waren darunter. Aber auch eine große Gruppe der Omas gegen Rechts war bei den Protesten anwesend.

»Es war nicht leicht, bei dem Tempo Schritt zu halten«, meinte eine der älteren Demonstrantinnen lachend. Ursprünglich hatten sich die Antifaschist*innen vor einem Restaurant in der Uhlandstraße getroffen, in dem Sellner schon vor zwei Jahren eine Rede gehalten hat. Doch es war leer. Nach einer kurzen Phase der Ratlosigkeit wurde dann der neue Ort bekannt. Danach ging es im Laufschritt zum etwa 1,5 Kilometer entfernten Ausweichort. Schnell war klar, dass man nun am Ziel war. Hinter den mit Papier verhangenen Scheiben waren rege Aktivitäten zu vernehmen, nachdem sich die Antifaschist*innen dem Gebäude genähert hatten.

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Eine Spontankundgebung wurde angemeldet. Mehrere Redner*innen sagten, dass es ihnen darum gehe, gegen Sellners Auftritt zu protestieren und nicht darum, die Rechten körperlich anzugreifen. Die Polizei, die mit einem großen Aufgebot aufgefahren war, riegelte den Treffpunkt der Rechten ab. Zu Auseinandersetzungen mit den Antifaschist*innen kam es nicht. Die informierten in kurzen Redebeiträgen über die rechte Biografie von Martin Sellner. Dabei gingen sie auch auf seine Rolle beim Treffen mit Mitgliedern von AfD, Werteunion und Vertreter*innen der Wirtschaft Ende 2023 bei Potsdam ein. Dort war Sellner einer der zentralen Redner, der dort sein Konzept der »Remigration« vorstellte, das auch Eingang ins Wahlprogramm der AfD gefunden hat. Dort wurde Sellner vor einem Auftritt abgeschoben.

Das Potsdamer Treffen war Anfang 2024 der Auslöser für bundesweite Proteste gegen rechts. In Berlin waren vor über einem Jahr Zehntausende Menschen auf der Straße. Davon konnte am Donnerstagabend in Berlin keine Rede sein. Doch die Organisator*innen der Proteste zeigten sich am Ende zufrieden. »Das rechte Treffen wurde lange geheim gehalten. Es kursierten völlig unterschiedliche Orte. Trotzdem ist es uns gelungen, den Ort zu finden und unseren Protest lautstark auszudrücken«, sagte ein junger Antifaschist. Unterstützung bekamen die Sellner-Gegner*innen auch von den Anwohner*innen in dem migrantisch geprägten Kiez. Die Beschäftigte eines Tattoostudios brachte ein Mikrophon aus ihrem Laden und rief antifaschistische Parolen. Auch Menschen auf den Balkonen der Wohnhäuser stimmten mit ein. Es war offensichtlich, dass die Rechten rund um die Bundesallee nicht erwünscht waren.

Der Besitzer des Restaurants sagte, dass ihm nicht bekannt war, dass sich Rechtsextreme in die Räume einmieteten. Es habe sich nur eine größere Gruppe zum Essen und Trinken angemeldet. Politische Hintergründe seien ihm nicht bekannt geworden. Gegen 20.30 Uhr erklärte die Polizei, das rechte Treffen werde beendet. 30 Minuten später verließen die Rechten unter Polizeischutz über einen Nebenausgang die Örtlichkeiten. Einige Antifaschist*innen versuchten noch kurz, die Taxis, mit denen die Rechten wegfuhren, zu blockieren. Doch sie gaben das Vorhaben schnell auf. Schließlich haben die Antifaschist*innen immer wieder »Haut ab« skandiert. »Da ist es doch ein Erfolg, wenn sie sich über den Hinterausgang davonschleichen«, zeigte sich ein Mann zufrieden mit der antifaschistischen Intervention.

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