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- »Love Me Tender« an der Volksbühne
Peep!
Erotisch, aber ohne Tempo: Mit »Love Me Tender« werden an der Berliner Volksbühne Geschlechterrollen und gesellschaftliche Konventionen befragt
Keine Familie, keine Liebe, kein Geld: In »Love Me Tender« ringt eine Frau um gesellschaftliche Autonomie, doch die Welt klammert sich an ihr fest. Weniger Glanz und Glamour hätte der Inszenierung gutgetan. Constance Debré, die Autorin der gleichnamigen autobiografischen Erzählung, rebelliert gegen eine Norm, wie als Frau zu leben sei. Das allein wäre als Thema altbacken – Judith Butlers »Gender Trouble« wurde vor 35 Jahren veröffentlicht –, aber das Unbehagen, das diese Rebellion auslöst, macht es bemerkenswert.
Dabei möchte die Erzählerin nicht viel. Nach der Trennung von ihrem Mann sucht sie soziale Unabhängigkeit und ein ausschweifendes Liebesleben mit Frauen – die Metro nennt sie ihren »Tussen-Linienplan« –, denn den Männern hat sie abgeschworen. Alles ist dabei ihrem Schreiben untergeordnet. Die Arbeit gekündigt, manchmal ein eigenes Zimmer, dazu ein asketischer Lebensstil: morgens schwimmen, sonst schreiben. Immer schreiben.
Zino Weys (Regie und Raum) Soloabend, der sich in großen Zügen an Debrés Roman orientiert, findet auf einer Art Laufsteg im Roten Salon der Berliner Volksbühne statt, links und rechts sitzt das Publikum, mehr nicht. Sphärische Musik begleitet die behutsamen Bewegungen von Marie Rosa Tietjen, die die Rolle der Erzählerin verkörpert. Manchmal streckt sie ihren Hintern raus oder macht gymnastische Übungen, ansonsten wirkt die Inszenierung eher wie eine szenische Lesung. Die Blätter, von denen Tietjen abliest, fallen nach und nach auf den Boden, verteilen sich im Raum wie die zurückgelassenen Bindungen der Erzählerin, die alles hinter sich lässt.
Es ist am Anfang noch ganz lustig, nahezu erotisch, wie Tietjen ihre lasziven Blicke in das Publikum wirft, mit den Zuschauerinnen flirtet. Etwas beschämt, fast ertappt fühlt man sich, wie das fünfte Rad am Wagen einer intimen Begegnung. Wie in einer Peepshow.
Das ist schön. Wir nehmen exklusiv Anteil am Sexualleben mit den Partnern, die sie erst verschlingt, aber nach und nach wieder fallen lässt. »Warum sollten wir nicht aufhören können, einander zu lieben?«, raunt Tietjen beschwörend in den Raum. Bald läuft sie mit einem Weihrauchfass durch den Gang, während sie die göttliche Botschaft verbreitet.
Dieser Effekt verfliegt bald, da es bei diesen repetitiven Gesten bleibt. Schade, denn dieses schmale Buch ist wirklich groß. Der Reiz von Debrés Roman liegt in der Verführung, die Konstruiertheit von Gender zu erleben, und erscheint für die szenische Aufführung wie gemacht. Es ist eine Art Kippfigur, die die Performance von Gender – Mann, Frau, was ist das schon? – erfahrbar macht. Die Lust am Spiel wirkt dissoziierend wie eine bewusstseinserweiternde Pille. Der Rausch ist krass geil.
Asketischer Lebensstil: morgens schwimmen, sonst schreiben. Immer schreiben.
Dieser Rausch überträgt sich nicht, sondern wird eher durch die flirrende Musik und die gedehnte Vortragsweise gehemmt. Es fehlt das Tempo, in dem die Dinge über die Erzählerin hereinbrechen, denn ihr Spiel entkommt nicht den Regeln der alten, herrischen Welt. »Die Realität ist, dass eine Richterin mich zu einer Mutter mit elektronischer Fußfessel macht.«
Warum? Sie begehrt Frauen, das war’s. Eine Frau mit Kind und einem mächtigen, gekränkten Mann darf das anscheinend nicht. Unverfängliche Fotos mit ihren Freunden und ihrem Sohn gelten als Beweise für pädophile Neigungen, sie selbst vergehe sich an ihm. Vier Jahre sieht sie ihren Sohn nur unter juristisch vorbestimmten Bedingungen.
Doch sie macht sich nicht gemein mit dieser Welt, die sie kriminalisieren will. Sie entkernt sie vielmehr mit abgeklärten Humor, ohne zynisch oder gefühllos zu werden. Diesen Humor spielt Tietjen gekonnt in fast wegwerfenden Gesten, die ihr zunehmendes Desinteresse an klammernden Liebhaberinnen und dem Patriarchat überhaupt zeigen. Es wird immer mal wieder gelacht. Doch die Tendenz zur mitleiderregenden Gefühligkeit hat der Text nicht verdient.
Die Angst, sie könne ihren Sohn verlieren, ist der Motor des Textes. Alles, was sie sagt, kann im Prozess gegen sie verwendet werden. Von der Publikation wird ihr abgeraten. Schreib etwas anderes, sagen die Freunde, sagen auch wir ihr, gefesselt wie im Kasperletheater – und freuen uns dennoch, dass sie es geschrieben hat. Denn diese Angst ist nicht normal. Aber alles, was Debré sagt.
Weys Performance übertüncht die Angst mit der Feier eines Lebensstils. Warum auch immer, am Ende werden Luftballons im Saal verteilt und noch ein paar Songs gesungen, zwar melancholisch, aber auch, als gäbe es etwas zu zelebrieren. Nur was – den Verlust des Sohnes, oder die Emanzipation von der Liebe? In dieser Uneindeutigkeit liegt durchaus ein Gewinn.
Nächste Vorstellungen: 10.4., 3. und 10.5.
www.volksbuehne.berlin
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