Omri Boehm: Israelische Regierung übte Druck auf Gedenkstätte aus

Vertreter der israelischen Regierung sorgten für die Ausladung des jüdischen Philosophen Omri Boehm als Redner bei der Buchenwald-Gedenkfeier

Omri Boehm ist seit Langem ein prominenter Kritiker der israelischen Regierung.
Omri Boehm ist seit Langem ein prominenter Kritiker der israelischen Regierung.

»Einem Enkel einer Holocaust-Überlebenden das Wort zu versagen, das ist wirklich das Schlimmste, was ich in 25 Jahren Gedenkstättenarbeit erlebt habe.« Das sagte der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, am Donnerstag beim Sender »radio3«. Versagt hatte er es zuvor dennoch dem deutsch-israelischen Philosophen Omri Boehm, um teilnehmende Shoahüberlebende vor einem Streit zu schützen. Böhm sollte nämlich am Sonntag auf der zentralen Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des am 11. April 1945 befreiten Konzentrationslagers in Weimar sprechen. Doch dann intervenierten Vertreter der israelischen Regierung und übten massiven Druck auf die Gedenkstätte aus, so Wagner. Boehm, so steht es unter anderem in einem Beitrag der israelischen Botschaft auf dem Kurznachrichtendienst »X«, sei jemand, der »den Holocaust relativiert«. In einer sarkastisch formulierten Reaktion der israelischen Botschaft auf Kritik darauf, hieß es, Boehm einzuladen sei, »als würde man Baschar al-Assad einladen, einen Vortrag über Menschenrechte zu halten.«

Die Anschuldigungen bezeichnete der Gedenkstättenleiter am Freitag im ZDF als »absurd«. Er scheint daher die Taktik zu vermuten, dass Israels Regierung mit diesem Vorwurf Boehms Meinung unterdrücken wolle: »Es muss möglich sein, eine israelische Regierung auch kritisieren zu können.«

Denn so ein Kritiker ist Boehm: Der in Tel Aviv geborene Nachfahre von Shoah-Überlebenden ist philosophisch ein radikaler Verfechter des Universalismus, also einer Auffassung, nach der Rechte und Pflichten für alle Menschen gelten und zwar immer und überall. So auch zum Beispiel die Menschenrechte. Daher thematisiert er neben der Shoah eben auch historische Ereignisse wie die Nakba. Auch das nehmen ihm die Israelis auf »X« übel. Nakba bezeichnet die Ermordung tausender und Vertreibung hunderttausender Palästinenser*innen im Zuge der Staatsgründung Israels. Die historisch dokumentierte Nakba gilt bei vielen in Israel und auch in Deutschland jedoch als Mythos.

Einen ethnischen Nationalismus lehnt Boehm ab und spricht sich für einen binationalen, nicht explizit jüdischen Staat als Alternative zur sogenannten Zweistaatenlösung aus. Das steht aber der israelischen Politik seit dem Nationalstaatsgesetz von 2018, in dem der jüdische Charakter Israels festgeschrieben wurde, und der Annexionspolitik Netanjahus diametral entgegen. Und so nimmt israelische Interessenspolitik Einfluss auf das Gedenken der Überlebenden und Hinterbliebenen in Buchenwald. Dem Druck der israelischen Regierung, so Gedenkstättenleiter Wagner, habe er nur nachgegeben, um »ihnen einen Gedenktag zu ermöglichen, an dem sie im Mittelpunkt stehen und nicht ein Konflikt, der überhaupt nichts mit ihnen zu tun hat.« Gleichzeitig betonte er, er wolle das nie wieder erleben.

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