Genozid auf Raten

TV-Tipp: Atommüll

  • Jan Freitag
  • Lesedauer: 2 Min.

Dokumentationen von heute starten gern mit Musik, die zum verschwörerischen Crescendo anschwillt, in klanglicher Dramatik endet. Meistens ist dieses Klangprinzip zu dick aufgetragen. Bei »Albtraum Atommüll« ist es dagegen sehr angebracht. Wenn Greenpeace zu Beginn Giftfässer zeigt, die auf dem Meeresgrund verrotten, wenn Autor Eric Guéret die strahlende Fracht über den halben Globus verfolgt, wenn die Melange aus profitsüchtiger Industrie, technikgläubiger Zivilisation und unterdrückter Wahrheitsfindung ins Desaster mündet – dann ist kein Geigenteppich zu dicht, kein Stakkato zu laut. Denn die handwerklich solide Doku zeigt mit dem nötigen Pathos: Was uns die Atomwirtschaft als zukunftsfähige Energie verkauft, ist eher ein zukünftiger Genozid auf Raten.

Vom verseuchten Hiroshima-Versuchsfeld im US-amerikanischen Hanford über bewohnte Nuklearklos des Ural bis zur Wiederaufbereitungsanlage am Ärmelkanal in sibirische Atomhalden und deutsche Zwischenlager zurück ins AKW-hörige Frankreich verfolgt das Team die toxische Fracht einer unbeantworteten Entsorgungsfrage. Dabei zeigt es nicht nur auf, wie skrupellos und ignorant die Verursacher von Abermillionen Tonnen Atommüll – militärisch oder zivil – die Öffentlichkeit täuschen, Guéret steigert auch den Vergleich vom Auto, dem man die Bremsen erst bei Vollgas einzubauen versucht: Atomenergie ist mitnichten ungebremst, es ist unbremsbar.

Filme wie dieser könnten einen Aufklärungsprozess einleiten – wäre da nicht die effiziente Lobby der Gegenbewegung. Schon deshalb sollte »Albtraum Atommüll« Pflichtprogramm jedes Befürworters sein, der bei anstehenden Verhandlungen über Laufzeitverlängerungen von Klimaschutz faselt, von Rentabilität, Versorgungssicherheit. Pflichtprogramm ebenso für jene, die allenfalls vage Hoffnung auf eine Lösung haben wie der französische Atomkommissar Bernard Bigot. Das wichtigste Wort sei doch Vertrauen, meint er, sein Lächeln verrät, dass er nicht weiß, worin genau. Der Physiker Hubert Reeves findet einen anderen Begriff: Wahnsinn.

Heute auf Arte, 21 Uhr.

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