Lehren aus dem Tulpenfieber
Auftakt zu Attac-Tribunal: Schürt den Zorn!
Für Lothar Dombrowski stand das Urteil schon vorher fest: Die an der Krise Schuldigen, zum Beispiel Merkel und Westerwelle, in einen fensterlosen Raum sperren und mit ihrem eigenen neoliberalen Gewäsch dauerbeschallen. Dazu noch alle Weihnachtsansprachen von Horst Köhler, dem ersten verstaatlichten Topbanker. Und: Berufsverbot für Finanzverkäufer. Das wäre doch mal gerecht.
Man merkt schon: Lothar Dombrowski ist kein Jurist. Er ist der wütende Rentner mit der merkwürdigen Handprothese, den der Kabarettist Georg Schramm regelmäßig von der Leine lässt. Schramm und sein Kollege Urban Priol, selbst Attac-Mitglied, gaben dem vom Netzwerk der Globalisierungskritiker organisierten Bankentribunal in der Berliner Volksbühne am Vorabend schon mal die Linie: Leute, seid zornig! Warum nicht so, meint Dombrowski, wie jene betrogenen Anleger, die ihren Anlageberater entführten und malträtierten, bis er das verlorene Geld erstattete. Nun sitzen sie – aber, schwärmt Dombrowski, da gehe man doch aufrecht durchs Gefängnis!
Für alle, die von den Folgen des internationalen Kasino-Geschachers überrascht waren, hatte Volksbühne-Schauspielerin Anne Ratte-Polle ein schönes Beispiel aus alter Zeit: die Geschichte vom Großen Tulpenfieber, das Holland im 17. Jahrhundert erfasste. Weil die Nachfrage nach den exotischen Tulpen das Angebot überstieg, verkauften die Züchter schon Blumen, die noch als Zwiebel in der Erde ruhten. Die Preise schnellten empor, bald wurden Optionsscheine auf Zwiebelanteile gehandelt. Zuweilen wurden tausende Gulden für eine Zwiebel hingeblättert – bis kaum noch jemand die astronomischen Preise zahlen konnte und der gesamte Tulpenmarkt in kurzer Zeit zusammenbrach.
Es war die erste überlieferte Spekulationsblase. Und, wenn man so will, ein früher Ausdruck von Systemkriminalität. Die tritt freilich heute offener zutage. Wolfgang Lieb, der gemeinsam mit Albrecht Müller im Internet die Nachdenkseiten betreibt, bedauerte, dass die Gerichte keine Anklage erheben gegen Verursacher der Krise, obwohl doch Tatbestände wie Hehlerei und Erpressung auf der Hand lägen. Offenbar müsse das Volk selbst zur Tat schreiten, etwa mit einem Tribunal – alle Staatsgewalt gehe schließlich vom Volke aus. Und wo das Volk noch zaudert, da plädiert Lothar Dombrowksi dafür, »den Zorn im Volk zu schüren.« Er meint den Zorn »für den Schlussakkord des Kapitalismus«. In dem Mann, wenngleich oft schlecht gelaunt, steckt wohl ein unverbesserlicher Optimist.
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