Taliban im Cowboystil
Der Maler Daniel Richter reflektiert den westlichen Blick auf den Orient
Mit den ockerblassen Fernsehbildern vom Hindukusch haben diese farbgewaltigen Gemälde wenig gemein - und doch liegen die Gedanken an Taliban, Djihad und umkämpfte Gebirgspfade wie Fallen zwischen den Farben.
Daniel Richter, einer der gefeierten deutschen Maler der Gegenwart, führt mit lockerem Pinselstrich in unsere kollektive Bildwelt.
»10001nacht« lautet der märchenhafte Titel seiner Einzelausstellung in der Kestner Gesellschaft Hannover. Dem Geschichtenklassiker aus dem Morgenland hat Richter eine Null hinzugefügt - sie steht für Ground Zero und die Anschläge vom 11. September 2001, die unseren Blick auf den Orient nachhaltig veränderten. Sindbad der Seefahrer, Alibaba und seine Räuber, Wüstenkarawanen und Dschinns, sie alle bestimmten seit dem 18. Jahrhundert unsere Vorstellungswelt. Vom Märchen ist nicht viel geblieben, das machen Richters neue Arbeiten deutlich, die zwischen 2008 und 2011 entstanden. Das vergangene Jahrzehnt überlagert unser Sehen wie ein hartnäckiger Schmutzfleck.
In einem der vier Ausstellungsräume schieben sich Turbangestalten durch eine karge Gebirgslandschaft, die Tücher zum Schutz gegen den Wind bis über die Münder hochgezogen. Sie tragen Gitarren durch die unwirtliche Gegend, Gott weiß warum. Immer wieder tauchen diese Instrumente auf, offensichtlich sollen sie an Gewehre erinnern. Es funktioniert: Statt an musikalische Nomadenvölker zu denken, breitet sich Unbehagen aus, über die latente Bedrohung, die von den heranrückenden Figuren ausgeht. Als würden sie Waffen tragen.
In gewohnter Manier spielt Richter mit den Bedeutungsebenen, knüpft Assoziationsketten aus Medienbildern, Werbung, Kunstgeschichte.
Eine Leinwand zeigt die Silhouette eines einzelnen Mannes auf einem Felsen. In seiner Hand ruht ein Gewehr, während er über das weite Land in den Abendhimmel blickt. Marlboro Country. Nur: Der Mann trägt Bart und Turban statt Cowboyhut. Schon ist die heroische Geste zur terroristischen Gefahr umcodiert - die Trennschicht ist dünn. Mit dieser Schattengestalt zitiert Richter das Titelbild der »Time« aus dem Jahr 2001. »Closing in« hieß es darauf, etwas zieht heran.
Auf einem anderen Tableau stellt er dem Taliban - pardon, eigentlich ist es nur ein Turbanträger - einen echten Cowboy zur Seite. Zwischen den nebelweißen Felsen schimmert die Referenz zu Caspar David Friedrichs Landschaftsmalerei und seinem »Der Wanderer über dem Nebelmeer« durch. Der Bärtige gibt dem Cowboy Feuer. Aussöhnung zwischen den Welten oder Kapitulation vor Amerika?
Richter interessiert das Gegensatzpaar Macht und Ohnmacht, doch eindeutige Zuordnungen bleiben dem Betrachter verwehrt. Eine kniende Gestalt umklammert inmitten der Einöde die Hüften eines Mannes. Unterwürfig? Trost suchend? Pornografisch?
Das Rätsel der Motive nutzt sich in der Menge ab, sind sie doch Variationen einer stets ähnlichen Doppeldeutigkeit. Doch die Faszination der Werke liegt darüber hinaus in den hypnotischen Farbräumen. Richters Gebirge sind Netze aus fast nervösen Linien, die zu pulsieren scheinen. Sie erinnern an seismografische Aufzeichnungen oder Sedimentrillen, ein wenig auch an Hundertwassers labyrinthische Spiralen.
Beeindruckend dann der explosive Farbrausch auf einigen der neuesten Großformate. Sie lehnen ihre Bildwelt an jene von Computer-Kampfspielen an, doch auch Wärmekameras kommen in Anbetracht der glühenden Nuancen in den Sinn. Die überlebensgroßen Kämpfer tragen ihre Schlacht auf der Leinwand aus, die mit schwarzen Flecken überzogen von der Gewalt gezeichnet ist. Unklar, wem die Krieger angehören. Es spielt keine Rolle inmitten des Kugelhagels.
Richters Bilder aus »10001nacht« sind Persiflage und Spiegelkabinett, Reflexion und - ja, auch Kitsch. Anregend ist das allemal. Daniel Richter: »10001nacht«, Kestner Gesellschaft Hannover, bis 6. November
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.