Sprachalarm gegen »Fetzen«

Sind SMS Unkultur?

  • Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 2 Min.

Dem Chef des deutschen Rechtschreibrates, Hans Zehetmair, sind SMS und Twitter ein Dorn im Auge, verlautbarte er über dpa. Nun, der Mann ist Jahrgang 1936, CSU-Politiker und als langjähriger Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, gelinde gesagt, nicht so sehr mit der Zeit gegangen. Während seiner Amtszeit soll, kaum zu glauben, in bayerischen Biologiebüchern der Aspekt »Zeugung« gestrichen worden sein, Darstellungen nackter Menschen seien verboten gewesen. Und seine Aussagen zum Thema Homosexualität mag man kaum glauben. Von ihm, könnte man denken, sei auch nichts anderes zu erwarten als in diesem dpa-Interview: Ein Konservativer beklagt sich über Neuerungen, die er indes nicht aufhalten kann.

Ist es schlimm, wenn jemand per SMS »HDL« schreibt, statt »Hab Dich Lieb«? Eigentlich nicht, wenn er den Satz noch aussprechen kann. Zehetmair schlägt Sprachalarm gegen die »Fetzenliteratur« per SMS oder Twitter. Selbst Hochschullehrer beklagten immer wieder die mangelhafte sprachliche Qualität von Diplom-, Magister- oder Bachelorarbeiten. »Man nimmt sich kaum noch die Zeit, ganze Sätze zu formulieren.« - Sprachliche Fähigkeiten seien verloren gegangen? Niedergang zu beklagen, macht sich öffentlich immer gut. Andersherum wird ein Schuh draus: Kulturtechniken wie Lesen oder Schreiben sind zu erlernen.

Nach Angaben von Linguisten, müssten 20 Prozent der 15-Jährigen heute als Analphabeten bezeichnet werden, moniert Zehetmair. Wenn das stimmt, darf man dafür aber nicht Computern oder Handys die Schuld geben, sondern einem Bildungssystem, das zwar Angebote macht, aber kaum mehr dafür zuständig ist, wenn diese nicht angenommen werden. Förderung jedes einzelnen würde einen Aufwand verlangen, den sich diese Gesellschaft nicht leistet.

Die Wirtschaft braucht Leute mit Computerkenntnissen, die sich auch schriftlich einigermaßen verständigen können. Sie müssen nicht Dostojewski oder Proust interpretieren können. An das frühbürgerliche Ideal, mittels Bildung Standesunterschiede aufzuheben, wird nur noch pro forma erinnert. Der Manager liest die »FAZ«, der Arbeiter »Bild«. Na und? Vor diesem Hintergrund hat Zehetmair Recht, dass Bildung und Sprachkompetenz zusammenhängen. Wo Kommunikation oberflächlich wird, man nicht mehr hinter die Dinge blickt, besteht die Gefahr der Manipulation.

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.