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  • Kultur
  • DER NEUE SCHNITZLER IST DA

Kein Essay oder so

  • Holger Becke
  • Lesedauer: 3 Min.

Der neue Schnitzler ist da. Inzwischen auf Light-Produkte umgestellte Verbraucher seien gewarnt. Schnitzler bleibt heavy „Die Deutsche Demokratische Republik war das Beste, was in der Geschichte den Deutschen, den Völkern Europas und der Welt aus Deutschland begegnet ist“, heißt der erste Satz seines nunmehr zweiten Buches bei der Hamburger Edition Nautilus. Mit der Begründung, die er für sein Urteil gibt, hat er absolut recht: Die DDR war ein deutscher Staat, bei dem man keine Angst haben mußte, daß er irgendwann einen Krieg anfangen könnte. Das gab's bei deutschen Staaten seit 1871 bisher eben nur ein Mal.

So geht es weiter Während alle Welt die Unübersichtlichkeit derselben beklagt und sich darauf beruft, daß man alles und jedes SO oder so oder noch ganz anders sehen kann, was dann als Nachdenklichkeit, differenzierende Betrachtung usf. ausgegeben wird, aber gemeinhin nichts weiter als ein Verbiegen in Windrichtung bedeutet, legt dieser Mann sich fest mit seinen Aussagen über Geschichte und Gegenwart. So beharrt er darauf, daß die Mauer auch ein antifaschistischer Schutzwall („ein - weiß Gott - ungeschickt erfundener Name“) gewesen sei, weil auf ihrer östlichen Seite jeglicher faschistischer Keim von Staats wegen bekämpft wurde. Was ja - trotz temporärer, bis heute unaufgeklärter Stasispiele mit der Skinhead-Szene - im Prinzip stimmt. Ebenso wie Schnitzlers auf die Mauer bezogener Satz: „Allerdings stand sie zu lange“

Es juckt, auch seine Urteile über M.S. Gorbatschow („Michail Alzheimer“) zu zitieren, über den Umgang deutscher Politiker und Medien („Heuchler“) mit der toten Marlene Dietrich, über Angela Merkel („von der Paula zur Saula“) oder über Feministins Lieblingsbuchstaben, das große „I“

Karl-Eduard von Schnitzler:.PROVOKATION. Edition Nautilus. Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 1994. 191 S.,Br., 19,80 DM.

(„Genossinnen und Genossen! Redakteure und Publizisten! Lassen wir diesen Unsinn.“) Doch in Stückwerk wollen wir uns hier nicht verlieren. Schnitzler, der weiß, daß sich mit Stopfnadeln gegen schwere Säbel nichts ausrichten läßt, geht massiv gegen den derzeitigen Geschichtsrevisionismus vor, der das Hitlerreich und die DDR als „zwei Diktaturen in Deutschland“ in eine Reihe stellt und so selbst in seinen feingeistigsten Varianten (meistens Essay genannt) Schuld am zunehmend nazifreundlichen deutschen Klima trägt: a) weil er de facto die Rechtfertigung für die soziale Deklassierung großer Bevölkerungsteile liefert (was langfristig gesehen am gefährlichsten ist) und b) weil er den Schwarz-Braunen peu ä peu zur Meinungsführerschaft verhilft.

So ist das. Was längst nicht heißt, daß man Schnitzler, der für sich selbst das Menschenrecht auf Irrtum reklamiert, in jedem Punkt zustimmen oder gar die Form seiner Darstellung berückend finden muß. Z. B. zitiert er Konstantin-Wekker-Kitsch („Noch immer werden Hexen verbrannt/ auf den Scheiten der Ideologien“) oder haut auch sprachlich voll daneben, wenn er auch die Alternative Enquetekommission für ein Gremium „historischer Selbstzerfleischung“ hält. Doch das ist nebensächlich, wenn das Buch, was man erwarten darf, wieder ein paar Leute mutiger macht. Letzteres ist auch deshalb zu wünschen, weil es keinen erstrebenswerten Zustand darstellt, Menschen vor dem gratismutigen Mob im Mainstream schwimmender Gesinnungszensoren in Schutz zu müssen.

HOL GER BECKER

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