Anders als die anderen
Woche der Kritik
Wie schon letztes Jahr richtete auch diesmal - parallel zur Berlinale - der Verband der deutschen Filmkritik eine »Woche der Kritik« aus, in der er elf Filme zeigte und anschließend mit Filmemachern und Zuschauern diskutierte. Entschieden und tapfer haben die Veranstalter wieder ein kompaktes Kontrastprogramm zur Berlinale gesetzt. Die Berlinale fasert ja über alle Ränder hinweg, die »Woche der Kritik« setzt auf strikte Konzentration und sucht nach Alternativen zum Mainstream jeglicher Art.
Eine Sisyphosarbeit, aus dem unermesslichen internationalen Filmangebot solche Filme auszuwählen, die in das ehrgeizige Konzept passen. Da sollten Irrtümer mit Nachsicht gesehen werden und - naja - auch gestattet sein. Im Mittelpunkt des Konzepts stand die Frage: Welche Filme wünschen wir uns? Nur: Wer ist »wir«? Die Spezialisten oder die Zuschauer oder wer? So viele Zuschauer - so viele Wünsche, aber auch so viele Filme? Da fängt produktiver Streit an und passt in das ewige Kraftfeld zwischen Film und Politik.
Im Film »I am not Madame Bovary« (China, Feng Xiaogang) kämpft eine Frau in mittleren Jahren in einer chinesischen Kleinstadt um ihre Rehabilitation nach der Scheidung. Dies bedeutet auch Emanzipation von Verwandten, Freunden - und den örtlichen Behörden. Ein genauer Blick in den chinesischen Alltag. Der Film verlässt sich auf seine Hauptdarstellerin, die in ihrer darstellerischen Präsenz wie eine Art chinesische Isabelle Huppert erscheint: sehr, sehr herb, temperamentgezügelt, glaubhaft. Das einzig Außergewöhnliche: Die Kamera verengt das Filmbild durchweg vom gewohnten rechteckigen Leinwandformat auf einen Kreis. Man guckt wie durch eine Röhre auf ein fernes Geschehen. Einen ästhetischen Wert bringt diese Formalie nicht.
Selten sah man weiblichen Spiritismus (wenn es denn so etwas gibt) so attraktiv und reizend ins Bild gesetzt wie in »Planetarium« (Rebecca Zlotowski, Frankreich/Belgien). Immerhin spielt Natalie Portman die weibliche Hauptrolle. Eine verwickelte Geschichte im Vorkriegsfrankreich um Gedankenübertragung und Seelenverwandtschaften und verworrene Dreharbeiten. Voller Geheimnisse. Man muss freilich nicht jedes Geheimnis im Film aufklären wollen. Andererseits: Film allein aus Film heraus zu erklären, ist müßig, auch wenn das witzig gemacht ist und mit Stereotypen des japanischen Pornofilms herumspielt: »Aroused by Gymnopedies« (Japan, Isao Yukisada). Ein Spaß für Brancheninsider, mehr nicht. Oder: Nur Krach und zappelnde Schwarz-Weiß-Quadrate sind kein Film, sondern nur Krach und zappelnde Quadrate, gottlob nur fünf Minuten lang, aber was für eine Verschwendung an Phantasie: »Fuddy Duddy« (Siegfried A. Frühauf, Österreich).
Kino als demokratisch gemeinte Massenveranstaltung geht allemal nur mit Zuschauern, nicht ohne sie, und schon gar nicht gegen sie. In diesem Fokus streiten auch die anderen Filme aus Nigeria, den USA, Frankreich, Deutschland, Georgien. Aber: Noch im Irrtum wirkt das Programm anregend und frisch, es ermuntert und reizt zu Widerspruch.
Wiederholung von sechs Filmen: Sonntag ab 10 Uhr, Kino Hackesche Höfe. Infos: wochederkritik.de
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