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Mord und Totschlag und viele tragische Helden
Jenny Farrel bietet eine kleine, aber feine Einführung in Shakespeares Werk
Das ist ein schönes und nützliches Buch. Auf dem ersten Blick schlichtes Paperback wird der Leser im Innern durch bezaubernde Illustrationen von Karen Dietrich zu Shakespeares Tragödien und vor allem reichhaltigen Informationen überrascht.
Jenny Farrell: Shakespeares Tragödien. Eine Einführung
Neue Impulse Verlag. 205 S., br., 12,80 €.
Jenny Farrel stellt vier berühmte Werke des 1564 in Stratford-upon-Avon geborenen und 1616 dort verstorbenen, zweifellos größten Dramatikers aller Zeiten vor: «Hamlet», «Othello», König Lear«, »Macbeth«. Zunächst wird die jeweilige Handlung referiert, sodann werden die Figuren charakterisiert, dramaturgische Raffinessen analysiert, schließlich die Botschaft rezipiert.
Vorab berichtet die in der Hauptstadt der DDR in einer deutsch-schottisch-irischen Familie aufgewachsene und an der Humboldt-Universität zu Berlin promovierte Wissenschaftlerin, die seit dreißig Jahren als Hochschullehrerin im irischen Galway tätig ist, über die Welt Shakespeares sowie sein Leben, soweit bekannt. Jenny Farrell spricht von »dunklen Jahren«, auch »verlorenen Jahren«. Dabei handelt es sich um die Zeit zwischen seinem Schulabschluss im Alter von 14 Jahren und seiner ersten Erwähnung als Dramatiker in London. Aus dieser Periode ist nur seine Eheschließung 1582 mit Anne Hathaway überliefert; dem Bund entsprangen drei Kinder: Susanna und die Zwillinge Judith und Hamnet; letztere starb mit elf Lenzen. Shakespeare selbst hatte sieben Geschwister. Vater John war Handschuhmacher und im Wollhandel tätig, gehörte zur bourgeoisen Mittelschicht im Elisabethanischen England. Mutter Mary Arden entstammte einer Adelsfamilie; einige ihrer Angehörigen sollen am Gunpowder Plot, der Pulververschwörung, beteiligt gewesen sein, als britische Katholiken 1605 den protestantischen König von England, Jakob I. stürzen sowie mit ihm die gesamte Regierung und alle Abgeordneten töten wollten. Jakob war der Sohn der Maria Stuart, Königin von Schottland, die ihre Halbschwester und Thronrivalin Elisabeth 1587 in Fotheringhay Castle hinrichten ließ. Mit der Krönung Jakobs siegte posthum Maria über die kinderlos gebliebene Elisabeth I.
Den Stoff seiner Stücke bezog Shakespeare, was mitunter unbeachtet bleibt, aus seiner gewalttätigen Gegenwart des absterbenden Feudalismus und aufstrebenden sowie sogleich über die Weltmeere expandierenden Kapitalismus. Die ursprüngliche Akkumulation reflektieren beispielsweise die Szenen auf der Heide in »König Lear«. »Es war eine Zeit großer sozialer Umwälzungen«, so die Autorin. »Diese unvergleichliche Transformation, in der auch so viele alte Gewissheiten schwanden, führte zu instabilen und brutalen Zeiten.« Jene brachten aber Helden hervor, tragische. Sie verkörpern das ideale Menschenbild der Renaissance, sind jedoch den Machiavellisten unterlegen, die in Shakespeares Tragödien als »die größte Gefahr für das Gemeinwohl dargestellt« werden. Das ist es wohl auch, was diesen Dichter so zeitgemäß erscheinen lässt.
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