Nie wieder Wurstgulasch!
Die Linke und der Genuss, das war und ist eine hochproblematische, im Grunde gescheiterte Beziehung: Der Linke will genießen und hat es doch nie gelernt oder besitzt den nötigen Sinn dafür nicht, auch deshalb wohl, weil er den lieben langen Tag mit Phrasendreschen, Revolutionsplanung und Plenumsdiskussionen beschäftigt ist und sich keine Mußezeit nimmt. Und der Genuss, seiner Natur nach undogmatisch und allem Schönen gegenüber aufgeschlossen - ganz anders also als die handelsübliche hiesige Linke -, will eigentlich auch endlich von Linken entdeckt und geliebt werden. Doch besonders der leibliche Genuss, insbesondere der Konsum feiner und raffiniert zubereiteter Speisen und köstlicher, bestenfalls sinnenverwirrender Getränke, gilt in sich als links verstehenden Kreisen traditionell als »dekadent« oder als unmoralisch angesichts von Welthunger, Raubbau an der Natur und dem Versiegen der Ressourcen. Oder gleich als »Klassenverrat«. Finale soziale Gerechtigkeit, so meint gar der eine oder die andere, sei erst dann eingetreten, wenn ausnahmslos alle sich vom selben Einheitsreisschleim ernähren und keiner etwas Besseres verzehrt, und nicht etwa dann, wenn ausnahmslos allen die gebratenen Wachteln in den offenen Mund fliegen.
Deshalb mümmelt der Linke bis heute bevorzugt anthrazitgraue Gemüsepampe aus der Volksküche oder »serbischen Bohnentopf« aus dem Aldi, während er sich auch weiterhin stolz und tapfer nicht für Literatur und Kunst interessiert. So ist er nun mal, der Linke. Aber wir müssen ihn nehmen, wie er ist. Wir können ihm den Feinsinn und den Geschmack nicht gewaltsam einbimseln. Aber einen Versuch unternehmen wir noch!
Bildung und Erziehung, die beständig leise surrenden und nie verstummenden Motoren der Zivilisation und des Fortschritts, haben schon wahre Wunder vollbracht: Aus Analphabeten sind große Schriftsteller geworden, bei ehemaligen Parolenbrüllern stehen heute Adornos »Minima Moralia« im Regal. Warum soll also aus einem überzeugten Goldbrand-Trinker nicht ein Lagavulin-Vorkoster werden können? Warum soll die Linke nicht an ihrem Geschmack arbeiten? (Nun, zugegeben: vielleicht nicht an ihrem Kunstgeschmack, das kann noch Jahrhunderte dauern.) Oder wenigstens an ihrer Fähigkeit, im Essen und Trinken nicht nur die Verrichtung einer Notdurft zu sehen?
Um also Aufklärungsarbeit zu leisten, hat sich in der nd-Redaktion eine Art Geschmacks- und Genuss-Task-Force gebildet und beschlossen, dass an dieser Stelle im Zweiwochenrhythmus eine Kolumne stehen soll, die den nd-Leser und die nd-Leserin daran gemahnen soll, dass es eine kulinarische Welt jenseits von Soljanka, »Wurstgulasch« und Kartoffelstampf gibt, eine Welt, in der »Essen« diese Bezeichnung verdient: Restaurants, Lokale und Imbissbuden in Berlin, die zu betreten sich lohnt. Oder solche, um die man besser einen großen Bogen macht (»Echte Berliner Küche«). Dieser Beitrag ist der Auftakt. In vierzehn Tagen folgt der nächste. Und dann immer so weiter. Bis Sie satt sind. Und jetzt: Essen fassen!
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