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Erderwärmung über 1,5 Grad: Heiß, heißer, normal
Seit zwölf Monaten hat die Erderwärmung 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit überschritten
Der Klimawandel scheint kaum noch ein Gemüt zu erregen. Es sei denn, das Eigenheim wurde gerade über mehrere Tage geflutet und das Wasser hat nicht nur die Inneneinrichtung zerstört, sondern auch erhebliche Schäden an der Bausubstanz hinterlassen. In Mitteleuropa erleben die Menschen bislang eher einen zu nassen als einen zu heißen Sommer. So lässt sich die Nachricht des EU-Klimawandeldienstes Copernicus, dass der Juni 2024 im globalen Durchschnitt der heißeste Juni überhaupt gewesen sei, aus hiesiger Perspektive kaum mitfühlen.
Der Juni 2024 setzt nicht nur den Trend der jeweils heißesten Monate seit Beginn der Aufzeichnungen fort, der nun schon seit einem Jahr anhält. Er macht damit auch die zwölf Monate voll, in denen die 2015 in Paris gesetzte Marke von nicht mehr als 1,5 Grad Celsius globaler Erwärmung gegenüber vorindustrieller Zeit (1850 bis 1900) überschritten wurde. Über die letzten zwölf Monate gemittelt war es schon um 1,64 Grad wärmer. Zwischen Zielsetzung und Zielverfehlung sind also nicht einmal zehn Jahre vergangen.
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Gut, ganz stimmt das nicht. Dass die Messlatte mit dem zwölf Monate währenden Rekord gerissen ist, lässt sich noch nicht sagen. Dafür müsste das Temperaturniveau über einen noch längeren Zeitraum fortdauern. Derzeit besteht die Hoffnung, dass mit dem Ende des El-Niño-Phänomens die globalen Temperaturen, auch an den extrem erhitzten Meeresoberflächen, wieder sinken werden. Immerhin: Die Meerestemperaturen stellen nicht mehr täglich neue Wärmerekorde auf, wie dies über die vergangenen 15 Monate der Fall war. Gleichbleibend heiß ist schon eine gute Nachricht im Vergleich zu immer heißer.
Nun lässt sich mit Bangen auf die Messwerte der Klimaforschung starren und hoffen, dass die mehr als 1,5 Grad globaler Erwärmung nur ein Ausreißer waren und noch kein Versagen der internationalen Klimapolitik bedeuten. Es lässt sich aber auch auf den stetig wachsenden Gehalt von Treibhausgasen in der Atmosphäre schauen, den das Observatorium des US-Instituts für Ozean- und Atmosphärenforschung (NOAA) auf dem hawaiianischen Vulkan Mauna Loa stetig aufzeichnet. So ist der Kohlendioxidgehalt mittlerweile um mehr als 100 Millionstel höher als zu Beginn der Messungen im Jahr 1958 – und steigt immer schneller an. Dass mehr Treibhausgase schon in einem einfachen Ursache-Wirkungssystem mehr Klimaerwärmung bedeuten, sollte einleuchten; Rückkopplungsmechanismen tun ihr Übriges.
Aber so wie sich heiß nicht mehr so heiß anfühlt wie früher, genauso steht die Auseinandersetzung mit der Klimakrise nicht mehr so hoch auf der Agenda. Laut einer Umfrage der Europäischen Investitionsbank zeigt sich die Generation der unter 30-Jährigen zurzeit weniger informiert über Ursachen und Konsequenzen des Klimawandels als die Generation Ü30. Immerhin gab hier noch die Mehrheit korrekte Antworten. Bei allen Befragten weitaus unbekannter war, dass die Wärmedämmung von Gebäuden und ein niedrigeres Tempolimit Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung sein können.
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