Jobs für Menschen statt Menschen für Jobs

Der Weltgipfel für Personen mit Behinderung soll Inklusion und Entwicklungshilfe verbinden. Auch Deutschland bleibt hinter den Erwartungen zurück

Fanny Bui von der Agentur für Arbeit erzählt, Menschen hätten am Arbeitsmarkt schon so oft Ablehnung wegen ihrer Einschränkungen erfahren, dass sie sich nichts mehr zutrauen würden. Obwohl sie häufig besondere Fähigkeiten mitbringen – zum Beispiel, weil sie es aus dem Alltag gewohnt sind, kreative Lösungen für Probleme zu finden.
Fanny Bui von der Agentur für Arbeit erzählt, Menschen hätten am Arbeitsmarkt schon so oft Ablehnung wegen ihrer Einschränkungen erfahren, dass sie sich nichts mehr zutrauen würden. Obwohl sie häufig besondere Fähigkeiten mitbringen – zum Beispiel, weil sie es aus dem Alltag gewohnt sind, kreative Lösungen für Probleme zu finden.

Da gab es eine Frau in der Beratung, erinnert sich Fanny Bui. Roch immer recht stark nach Rauch, sprach etwas »prollig«, hatte einen Grad der Behinderung von 100, aber nahm jedes Angebot an und war immer pünktlich. Außer an dem Tag, an dem ihr ein Job vermittelt werden sollte, da steckte sie nämlich in einer familiären Katastrophe. Daran, wie die Dame mit dieser schwierigen Situation umging, merkte Bui: Die kann viel mehr, als man ihr zutraut. Heute arbeitet sie im Hausmeisterbereich eines Pflegeheims. Oder der blinde Telefonist, der erst nicht an einem Gericht eingestellt werden sollte, weil das Haus nicht »behindertengerecht« gewesen sei, und sich dann gegen 60 Mitbewerber*innen durchsetzte. »Von diesen Geschichten könnte ich einige erzählen«, sagt Bui im Gespräch mit »nd«.

Die 47-Jährige arbeitet seit 2009 für die Agentur für Arbeit in Chemnitz, anfangs im Telefonservice, später als Arbeitsvermittlerin. Als es 2012 um Spezialist*innen für Rehabilitanten und Schwerbehinderte ging, hielt Bui, selbst blind, eine »flammende Rede« für die Notwendigkeit dieser Posten – und bekam den Ball prompt zugespielt. Laut UN-Behindertenrechtskonvention müsste Deutschland, als Vertragsstaat, allen die Möglichkeit zusichern, ihren »Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wird«. In der Praxis sieht das oft anders aus, wie Bui berichtet.

Auf dem 3. Weltgipfel für Menschen mit Behinderung in Berlin diskutieren dieser Tage über 3000 Vertreter*innen von Regierungen und Zivilorganisationen über die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Sie sehen die Notwendigkeit, mehr Möglichkeiten zu schaffen, sich für echte Veränderungen zusammenzuschließen, schreiben die Teilnehmer*innen in einer Absichtserklärung, »da wir zunehmend mit der Tatsache konfrontiert sind, dass gut gemeinte Verpflichtungen und Politiken entweder nicht umgesetzt werden oder keine systemische Wirkung entfalten«. Auf dem Gipfel geht es vorrangig darum, Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen, und Entwicklungshilfe miteinander zu verbinden. Doch auch in Deutschland bleibt der Status Quo hinter den Erwartungen zurück.

Wirft man zum Beispiel einen Blick auf das Inklusionsbarometer Arbeit der Sozialorganisation Aktion Mensch, so zeigten sich 2024 Verschlechterungen am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote unter Menschen mit Behinderung stieg im Vergleich zum Vorjahr von 10,8 auf 11 Prozent – insgesamt lag sie bei 6,2 Prozent. Arbeitslose mit Behinderung suchten im Schnitt 96 Tage länger nach einer neuen Beschäftigung, 1,6 Millionen Menschen mit Behinderung waren nicht in den Arbeitsmarkt integriert.

Nur 38,5 Prozent der deutschen Unternehmen besetzen zudem alle Pflichtarbeitsplätze für Menschen mit Schwerbehinderung. Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitsplätzen sind gesetzlich dazu verpflichtet, mindestens fünf Prozent davon an Menschen mit Schwerbehinderungen zu vergeben. Tun sie das nicht, zahlen sie eine sogenannte Ausgleichsabgabe, die nach Erfüllungsgrad gestaffelt ist.

Bei der inklusiven Arbeitsvermittlung gibt es einige Herausforderungen, sagt Bui. Zum Beispiel, dass bei Überprüfungen meist nur die Gesundheit untersucht werde, aber Bildungsabschlüsse, soziales Umfeld oder Infrastruktur nicht mitbedacht würden. »Das wird zu wenig ganzheitlich betrachtet.« Außerdem fehle es an einem Umdenken bei den Arbeitgebern, kritisiert Bui.

»Wir vermitteln immer noch Menschen für Jobs anstatt Jobs für Menschen«. Für Personen mit starker Sehbehinderung oder bestimmten körperlichen Behinderungen gebe es in Deutschland nur die Möglichkeit, in Büros zu arbeiten, schon aus versicherungstechnischen Gründen. Dabei könnten beispielsweise Fachkräfte durch Personen ohne Qualifizierung entlastet werden, zeigt sie sich überzeugt.

Und dann sei da noch der »interne Ableismus«. Ableismus ist die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Bui meint damit, Menschen hätten am Arbeitsmarkt schon so oft Ablehnung wegen ihrer Einschränkungen erfahren, dass sie sich nichts mehr zutrauen würden. Obwohl Personen mit Behinderungen häufig besondere Fähigkeiten mitbringen – zum Beispiel, weil sie es aus dem Alltag gewohnt sind, kreative Lösungen für Probleme zu finden.

Einen Schritt in eine andere Richtung sollte zu Beginn 2024 das erste Gesetz zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarkts machen. Es hatte zum Ziel, mehr Menschen mit Behinderung in reguläre Arbeit zu bringen, mehr Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Arbeit zu halten und zielgenauere Unterstützung für Menschen mit Schwerbehinderung zu ermöglichen. Dazu sollten zum Beispiel die Mittel der Ausgleichsabgabe für die Förderung der Beschäftigung am allgemeinen Arbeitsmarkt konzentriert oder höhere Lohnkostenzuschüsse gewährt werden. Bisher bemerke sie durch das neue Gesetz keine größeren Veränderungen, sagt Bui.

Organisationen wie der Selbsthilfeverein Lebenshilfe kritisierten das Gesetz schon damals als unzureichend. Das zweite Gesetz zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarkts setzte die Ampel nicht mehr um. Darin war unter anderem ein rentenrechtlicher Nachteilsausgleich vorgesehen, der den Übergang von Werkstätten in den allgemeinen Arbeitsmarkt erleichtert hätte. Bui fehlt vor allem ein Instrument, sagt sie: eine kostenlose Unternehmensberatung zu Inklusion, um Arbeitgebern einen praktischen Anreiz zu geben, sich damit auseinanderzusetzen.

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