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Kein zartes Ding
Das Theater lehrt die Pädagogen einmal mehr das Fürchten – mit »Romeo und Julia«
Kürzlich habe ich erfahren, dass in den Weiten des Online-Universums eine »Leipziger Internet-Zeitung« existiert. Und an ebendieses Medium hat ein Deutschlehrer, der mit seiner Schulklasse eine Inszenierung des Schauspiels Leipzig aufgesucht hatte – es handelte sich um »Romeo und Julia« in der Regie von Pia Richter –, einen Leserbrief geschickt. Die »Leipziger Internet-Zeitung« hat sich entschieden, dieses Schriftstück der Netzöffentlichkeit zugänglich zu machen.
Mir, der ich hart mit Bühnendarbietungen landauf, landab ins Gericht zu gehen pflege, ist es fremd, eine vor zweieinhalb Jahren zur Premiere gekommene Inszenierung, die ich selbst nicht gesehen habe, zu verteidigen. Aber ein paar Widerworte zu dem reaktionären Kunstbild, mit dem Schülerinnen und Schüler einer neunten Klasse offenbar (ober-)lehrerhaft drangsaliert werden, scheinen doch angemessen.
Der Herr Lehrer sei »hart enttäuscht« gewesen – und beweist uns also, dass auch ein Studium der Germanistik nicht zwingend zu sprachlicher Treffsicherheit führen muss. Die ausdrucksstarken Blicke seiner Schüler seien ebenfalls enttäuscht, teilweise wütend gewesen. Warum? Sie hätten auf eine »schöne Julia« gehofft. »Doch heute hatte sie einen Bart, heute trugen die Männer Kleider«, weiß der Lehrer zu berichten. Wer aber sagt ihm, dass das Theater der Shakespeare-Zeit ausschließlich männliche Darsteller kannte?
Wie es euch gefällt: Alle zwei Wochen schreibt Erik Zielke über große Tragödien, politisches Schmierentheater und die Narren aus Vergangenheit und Gegenwart. Inspiration findet er bei seinem Genossen aus Stratford-upon-Avon.
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Mit dem unter Pädagogen weitverbreiteten ironischen Augenzwinkern stellt er fest: »Glücklicherweise lernten die Schüler, die erst das Werk in der Schule lasen, drei neue Fäkalwörter.« Nun weiß allerdings jeder, dass 15-Jährige Schimpfwörter nicht im Theater lernen, sondern das Theater die Schimpfwörter von den 15-Jährigen. Nicht ganz unerheblich ist auch der Umstand, dass Shakespeare nicht nur den hohen Ton, sondern auch die derbste Sprache beherrschte. Viel Spaß bei der unzensierten Lektüre unterm Lehrerpult!
»›Romeo und Julia‹ gehört zu dem Muster der klassischen Literatur, welches immer wieder neu aufgelegt, gespielt und inszeniert wird«, erfahren wir. Man ahnt schon, was er meint. Allein, die richtigen Worte wollen nicht zu ihm finden.
Doch die Klage ist noch nicht zu Ende: »Die Schauspieler*innen wechseln die Rollen und dazu ihre Geschlechter, ganz normal und das im Minutentakt.« So ist es: ganz normal. Die Sache heißt – Theater.
Schließlich setzt er an zum ganz großen Lamento: »Es werden klassische Werke zerstört, weil wir sie nicht klassisch sein lassen, aber die Sehnsucht nach klassischen Inszenierungen ist groß: Lehrer, Schüler, Erwachsene sehnen sich nach einem Balkon, nach mittelalterlichen Kleidern und deren Sprache. Wir wollen ins Verona des 16. Jahrhunderts und nicht in die Gosse von 2025.« Shakespeares Globe, angesiedelt zwischen den Bordellen Londons, war der Gosse von 2025 durchaus näher als dem Verona des 16. Jahrhunderts. Wonach sich der Briefeschreiber sehnt, ist vermutlich ein Kostümtheater der 50er Jahre, aufgenommen für das Leitmedium des Lehrerzimmers, das Fernsehen.
Dem so bezeichneten klassischen Theater stellt er ein modernes gegenüber: »Moderne Stücke sollen moderne Themen aufgreifen. Autoren sollen über ihre heutigen Themen wie Gendern, Geschlechtswechsel, Homosexualität, Krieg und Hass schreiben.« Allesamt Themen, an denen sich Shakespeare abgearbeitet hat. Was wir daraus lernen? Der Stückeschreiber aus Stratford war vielleicht der erste Autor der Moderne.
»Ist Lieb’ ein zartes Ding? Sie ist zu rauh, / Zu wild, zu tobend; und sie sticht wie Dorn«, heißt es in der »Tragödie von Romeo und Julia«, übertragen vom alten Schlegel. So ist sie, die Liebe. Aber, scheint es mir, beim eifrigen Leserbriefschreiber wird es sich wohl gar nicht um einen Liebhaber der darstellenden Künste und des Genossen Shakespeare handeln.
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