Sechs Jahrzehnte beim »nd«

Zum Tod unseres ehemaligen Redakteurs Hans Rehfeldt

Hans Rehfeldt (1923–2025)
Hans Rehfeldt (1923–2025)

Niemand hat jemals länger beim »nd« gearbeitet als Hans Rehfeldt, und auch in Zukunft dürfte das niemandem gelingen. Hans war schon über 85, als er, der aktive Rentner, die Mitarbeit am »nd«-Ratgeber in etwas jüngere Hände legte. Lange Jahre hatte er gemeinsam mit zwei ebenfalls ehemaligen Redakteurinnen diese Beilage betreut – vielen Lesern eine wichtige Lebenshilfe für die Wechselfälle des Alltags. Da war Hans immer noch voller Energie, verschmähte Fahrstuhl und Paternoster im »nd«-Gebäude, stieg die Treppen hinauf in die zweite Etage und wollte sich partout nicht von Jüngeren überholen lassen. Bei Telefonaten mit Lesern stand er oft auf, so hatten die Kollegen an den benachbarten Schreibtischen mehr von seinen resoluten und schwer zu überhörenden Ausführungen zum Mietrecht und anderen Fragen.

Menschen wie Hans nennt man Zeugen eines Jahrhunderts. Nicht nur, weil er unglaubliche 101 Jahre alt wurde. Sondern auch, weil er die Grausamkeiten und Umwälzungen des 20. Jahrhunderts voll ausgekostet hat. Diese Lebenserfahrung floss ein in seine Buchbesprechungen; als er die letzten schrieb, war er schon fast 90. Nach einigen Jahren als Kind und Jugendlicher in einem Militärwaisenhaus in Potsdam und einer Elektrikerlehre war er 1942 alt genug, um als Wehrmachtssoldat in den Krieg geschickt zu werden. Er hatte Glück, überlebte, blieb fünf Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Dort wurde er zum Antifaschisten; aus voller Überzeugung wollte er helfen, ein besseres Deutschland aufzubauen. Erst 1949 durfte er zurück, arbeitete zunächst wieder als Elektriker bei Bergmann-Borsig, schrieb nebenbei für Zeitungen.

Anfang 1951 kam er als Volontär zum »Neuen Deutschland«, wo er nach einem etwas verunglückten Start im Auslandsressort in die Wirtschaftsabteilung wechselte und dort für Jahrzehnte seinen Platz fand. Er berichtete von den vielen Großbaustellen im kriegsversehrten Land. Ein neugieriger Mensch, der die Gabe hatte, offen und herzlich auf wildfremde Menschen zuzugehen. An der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee), deren Wiederaufbau und Neugestaltung seit den 50er Jahren zum Vorzeigeprojekt der jungen DDR wurde, richtete man für die ND-Berichterstatter, zu denen er als Jüngster gehörte, sogar ein Reporterbüro ein, damit sie näher dran waren am Geschehen.

Fast 62 Jahre lang kam Hans beinahe täglich in die Redaktion. Auch danach blieb er seiner, unserer Zeitung verbunden – als Autor, als Leser, als Freund. Am 30. März ist er gestorben. Die Redewendung, er habe ein erfülltes Leben gehabt, ist bei einem wie ihm ganz und gar keine Floskel. Mach’s gut, Hans!

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