Ferhat Sentürk will nicht mehr rechts sein

Organisator von Naziaufmärschen in Berlin und Aachen gibt AfD die Schuld für seine Radikalisierung

Ferhat Sentürk (Mitte) bei einem von ihm angemeldeten Aufmarsch Mitte Januar in Aachen.
Ferhat Sentürk (Mitte) bei einem von ihm angemeldeten Aufmarsch Mitte Januar in Aachen.

Es ist zwei Wochen her, da scharte Ferhat Sentürk noch mehrere Hundert Neonazis um sich. Er hatte eine Demonstration gegen links angemeldet und einen Coup im Vorfeld gelandet. Der Sänger der extrem rechten Hooligan-Band »Kategorie C« Hannes Ostendorf sollte bei dem Aufmarsch auftreten. Ostendorf kam, sang, stachelte die Teilnehmer*innen an. Ferhat Sentürk genoss den Auftritt, schwang große Reden. Im Laufe des Nachmittags die Ernüchterung. Statt eines kilometerlangen Aufmarsches geht es nur ein paar Meter bis zu den Aufgängen der S-Bahn. Weiter lässt die Polizei den Aufmarsch nicht. Ferhat Sentürk tobt auf der Straße und danach auch im Netz. Er spricht von Willkür und kündigt weitere Proteste an. Gleichzeitig werden in der Szene Vorwürfe gegen Sentürk laut. Die Demonstration sei schlecht organisiert gewesen, Sentürk habe sich nicht ausreichend beraten lassen, außerdem wird sich darüber beschwert, dass zahlreiche Teilnehmer*innen des Aufmarsches festgenommen wurden.

Drei Tage nach der Demonstration in Berlin verkündet Sentürk in seinen Social-Media-Kanälen, dass für ihn ein Wendepunkt erreicht sei. Er wolle sich als Aktivist zurückziehen. Das »System« sei »augenscheinlich korrupt«, Medien verdrehten die Wahrheit und an Meinungsfreiheit glaube er nicht mehr. Sentürk kündigt an, etwas Neues machen zu wollen, er will »aufrütteln, verbinden, inspirieren«. Auf der Straße und im Netz, wie er ankündigt. Aufmerksam macht Sentürk dann auf sich, weil ein Video von ihm auftaucht, in dem er in einem Rap-Song die Zeile »Kill Yahudis mit der Uzi, bis das Blut fließt« mitsingt. Auf der Social-Media-Plattform X ist die Empörung über Sentürk groß. Menschen kündigen an, ihn wegen des antisemitischen Raps anzuzeigen.

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Einige Tage später veröffentlicht Sentürk dann auf Tiktok ein Video mit dem Titel »Abrechnung mit der AfD«. Es erreicht innerhalb weniger Tage fast 800 000 Aufrufe und wird über 8000-mal kommentiert. In seinem Video warnt Sentürk, die AfD hetze gegen Ausländer und Muslime, es habe sich herausgestellt, dass die Partei eine »Gefahr für die Demokratie« sei. Auf Facebook verbreitet Sentürk Texte, in denen er lokalen AfD-Funktionären aus seiner Heimatstadt Aachen Machtmissbrauch vorwirft. Ferhat Sentürk war Mitglied der AfD, hat sie aber im Streit schon im vergangenen Herbst verlassen. Danach begann seine Karriere als Organisator von extrem rechten Aufmärschen in Berlin und Aachen.

Sentürks »Abrechnung« mit der AfD wirft Fragen auf. Gilt sie auch für die Neonazigruppen, die seine Aufmärsche besucht haben? Auf Anfrage des »nd« antwortet Sentürk: »Ich distanziere mich hiermit klar und deutlich von der Alternative für Deutschland und dem gesamten politischen Spektrum, in dem ich mich in den letzten Jahren bewegt habe.« Ihm sei bewusst geworden, dass seine »früheren Positionen nicht in Ordnung waren«. Er habe sich mit Menschen umgeben, die nicht zu ihm passen. Die AfD betreibe Hetze und er müsse zugeben, »dass ihre Positionen mit der Zeit auch auf mich abgefärbt haben«. Sentürk erklärt, er sei im Gespräch mit Menschen und Institutionen, die ihm helfen würden, vieles zu reflektieren: »Dabei wird mir immer klarer, dass mein bisheriger Weg der falsche war.«

Sentürks Stellungnahme wirft viele Fragen auf. Aussteiger*innen aus der extremen Rechten berichten in der Regel von einem langen Abnabelungsprozess, der oft mit Rückzügen aus der Szene einhergeht. Sentürk antwortet auf eine Frage dazu: »Mein Wandel mag nach außen plötzlich erscheinen, doch die Zweifel begannen bereits zuvor, sie wurden nur intern verarbeitet.« Seine Distanzierung habe sich in den letzten Tagen »zugespitzt«. Den Rap-Song den er vor wenigen Tagen vortrug, hält Sentürk für »nicht grundlegend antisemitisch«, er sei Teil eines Rap-Textes aus seiner Jugend.

Als einen Faktor für seinen politischen Rückzug nennt Ferhat Sentürk »organisationsinterne Unstimmigkeiten« die ihm nach dem Aufmarsch in Berlin ebenso deutlich geworden seien wie »der Hass innerhalb der Bewegung«. Öffentlich führte Sentürks Distanzierung von der extremen Rechten jedenfalls zu allerlei beleidigenden und rassistischen Kommentaren. Sentürk solle sich doch von Deutschland in die Türkei »distanzieren«, so der Tenor. Auch Kader der extremen Rechten wie der Berliner Sebastian Schmidtke und der Bautzener Benjamin Moses schimpften in den sozialen Medien über Sentürk. Der österreichische Identitären-Aktivist Martin Sellner äußerte den Verdacht, Sentürk sei ein V-Mann des Verfassungsschutzes, der jetzt abgezogen werde.

Zur Frage einer Spitzeltätigkeit erklärt Sentürk: »Zum Verfassungsschutz kann ich soviel sagen, dass ich nie mit denen zusammengearbeitet habe.« Außerdem gibt er an, in Kontakt mit einer Aussteigerberatung zu stehen, mit welcher, will er aus Gründen des Selbstschutzes nicht sagen. Sollte Sentürk an eine seriöse Aussteigerberatung geraten sein, wird sie es mit ihm nicht leicht haben. Der Aachener drängt weiter an die Öffentlichkeit. Eine ruhige Ausstiegsarbeit dürfte so nur schwer möglich sein. Aachener Antifaschist*innen nannten Sentürk in einem Porträt einen »Narzissten«. Er habe schon als Teenager versucht, sich selbst »ins Rampenlicht zu rücken«. Mit Geschichten von seiner Zeit als Deutsch-Türke in der AfD und der Nazi-Szene könnte Sentürk noch einige Klicks erzielen und dabei auch einiges über Strukturen ausplaudern. Ob Ferhat Sentürk als Aussteiger ernst genommen werden kann, ist freilich noch eine ganz andere Frage.

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