- Kultur
- Politisches Buch
Ein Irrtum?
Eduard Bloch – Hitlers »Edeljude«
Am 14. Januar 1907 erschien in der Linzer Praxis von Dr. Eduard Bloch eine Patientin, die über starke Schmerzen in der Brust klagte. »Diese blasse, hilfesuchende Frau«, so Bloch in seinen Memoiren Jahrzehnte später, »war Klara Hitler, die Mutter Adolf Hitlers«. Während Klara die Diagnose »Brustkrebs« tapfer aufgenommen habe, sei ihr bleicher 17-jähriger Sohn Adolf untröstlich gewesen. »Das Gesicht war von Tränen überströmt, und seine Augen waren müde und rot ... Er war der Liebling seiner Mutter und vergötterte dieselbe.« Im New Yorker Exil sagte Bloch im Interview 1941: »In meiner ganzen Karriere habe ich niemanden gesehen, der so vom Kummer vernichtet war wie Adolf Hitler.«
Der Eintritt der neuen Patientin in die Praxis des jüdischen Arztes und die Reaktion ihres Sohnes auf Blochs Diagnose – dies ist die Schlüsselszene in Brigitte Hamanns neuem Buch. Die Geschichte dieses ungewöhnlichen Menschen Bloch wollte die Historikerin Hamann seit Langem erzählen. Doch erst nach dem Tode von dessen Enkel, der Historiker an der University of Kansas gewesen war, landete die Hauptquelle, Blochs handschriftliche Memoiren, in einem Archiv in Washington – und war fortan für die Forschung verfügbar. Die Jahrzehnte später verfassten Erinnerungen scheinen die einzige Quelle zu sein. Und so muss man sich, um die Spur des Armenarztes wieder aufnehmen zu können, oft durch seiten- oder kapitellange Abhandlungen über politische und militärische Zusammenhänge arbeiten – Themen, über die die Historikerin Hamann bereits sehr fleißig publiziert hat. Auch ihr Bemühen, die bisherige und künftige Entwicklung jeder erwähnten Person nachzuzeichnen, scheint übertrieben. Dieses Streben nach Vollständigkeit ist eher irritierend als erhellend. Doch sobald es wieder um den eigentlichen Titelhelden geht, wird die Lektüre spannend. Hamann erzählt von seiner Kindheit und Jugend in der südböhmischen Idylle, von ersten antisemitischen Erfahrungen im Budweiser Gymnasium, von der Studienzeit im Prag der erstarkenden nationalistischen Burschenschaften und von seinem beruflichen Erfolg als niedergelassener Arzt in Linz.
Das anfängliche Mitgefühl Blochs mit dem unter dem Verlust seiner Mutter leidenden jugendlichen Hitler müsste eigentlich, so meint man, tiefer Verachtung gewichen sein. Doch die Autorin kam zu einem anderen Ergebnis. »Die Gefühle der Eitelkeit, einst Hitlers Arzt gewesen zu sein, und die Gefühle des Schreckens und der Angst vor dem Naziregime trafen bei Bloch aufeinander.« Und vom Völkermörder Hitler ist über Bloch das Zitat überliefert. »Ja, wenn alle Juden so wären wie er, dann gäbe es keinen Antisemitismus.«
Als sich Hitler im März 1938 in Linz nach dem Befinden seines ehemaligen Arztes erkundigte, war der »Anschluss« soeben vollzogen – und die Judenverfolgung und -vernichtung wurde auch in Österreich planmäßig organisiert. Mit einer Ausnahme: Eduard Bloch. Der hatte seinen ersten Eindruck von Hitler (»ein gut erzogener, höflicher Junge«) erst drei Jahrzehnte später revidiert. Er beobachtete eine »Atmosphäre des Hasses und der Erniedrigung, der Rechtlosigkeit und der Demütigung«, der die Freunde, Nachbarn und Kollegen »um jeden Preis« entkommen wollten. Bloch dagegen genoss auf Erlass Hitlers Begünstigungen. »Ich konnte vor allem meine Wohnung behalten ... Ich durfte einen Telefonanschluss haben; ich erhielt eine Kleiderkarte ... Ich blieb im Besitze meines Passes, hatte keinerlei Hausdurchsuchung ... Die Gestapoleute, die sonst rücksichts- und erbarmungslos waren, kein Herz im Leibe hatten, belästigten mich nie.« Die Angebote der Nazis, »Ehrenarier« zu werden oder seinen jüdischen Glauben abzulegen, habe er jedoch »rundweg abgelehnt«.
Dass der Jude Eduard Bloch auf ausdrückliche Anweisung des Massenmörders Hitler eine einzigartige Sonderbehandlung genoss, ist eine schier unglaubliche Geschichte, die Brigitte Hamann mit viel Verve erzählt.
Brigitte Hamann: Hitlers Edeljude. Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch. Piper, München. 511 S., geb., 24,90 €.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.