Memorial Mamai

Vor 70 Jahren: Stalingrad im Belagerungszustand

  • Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Am 25. August vor 70 Jahren wurde in Stalingrad der Belagerungszustand ausgerufen. Zwei Tage zuvor waren Tausende bei deutschen Luftangriffen getötet worden. Die Stadt an der Wolga trug seit 1925 Stalins Namen. Deshalb wollte sie Hitler unbedingt haben. Deshalb wollte sie Stalin unbedingt halten.

Die Stadt wird, im folgenden Winter, zu einer der grausamsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Eine Front des engsten Raumes. Straße um Straße, Haus um Haus umkämpft. Die hier aufeinander losgehen, fallen sterbend gleichsam ineinander. Seine 6. Armee, so hatte Generalfeldmarschall Paulus getönt, könne den Himmel stürmen. Nicht lang hin, da klemmt und hockt und friert diese Armee in den Ruinen, im eiskalten Vorzimmer ihres Untergangs.

Der Bastschuh war für Hitler das Zeichen russischer Zurückgebliebenheit - bald rettet der Bastschuh manchem seiner Soldaten ein letztes Stück Lebensweg - für die freilich falsche Hoffnung, der Kessel habe einen Ausgang.

Auf dem Mamai-Hügel der Stadt, die längst wieder Wolgograd heißt, das Mahnmal »Mutter Heimat«. Im Innern dieser traurigen, so drückenden wie erhabenen Stätte: Tafeln mit den Namen der sowjetischen Toten. In der Nähe der Stadt gibt es auch einen Gedenkort für die vermissten Soldaten der deutschen Armee. Alle diese elendig Gestorbenen: in letzter Ruhe irgendwie - vereint.

Die Deutschen waren die Aggressoren, die Sowjetunion verteidigte, eine untilgbare Wahrheit. Aber auch das ist Geschichte: Wenn alles verraucht ist, geht die Barmherzigkeit übers Feld und durch die Gemüter, und einst so erbitterte Feinde dürfen sich, Untote noch immer, ins gemeinsame Los teilen, sinnlos geopfert worden zu sein. Wofür? Für jeweilige Siegeswillen? Sieg. Spreche einer dies Wort nicht zu laut aus, der an solchen Todesorten steht.

Das Vermächtnis? Dass die zwei schwächsten Worte der Welt vielleicht etwas kräftiger klingen. Diese zwei Worte: Nie wieder!

Das letzte Wort hat hier immer, der ungerührt über alle Frontlinien faucht: der Wind.


Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -