- Kultur
- Berlinale-Wettbewerb: »Disco Boy«
Die Legion als Vaterland
Berlinale-Wettbewerb: In »Disco Boy« schließt sich Franz Rogowski in der Rolle eines jungen Belarussen der französischen Fremdenlegion an
Ihre große Zeit hatte die französische Fremdenlegion in den 1950er und -60er Jahren, als deren Söldner im Dienst der Grande Nation in Indochina und später in Algerien fochten. Damals war die Legion ein Mythos und Auffangbecken für Gestrauchelte, Glücksritter, Abenteurer und um des Geldes willen Kämpfende aus aller Welt. Mit dem Ende der Kolonialzeit ging es auch mit der Fremdenlegion bergab, und, ehrlich gesagt, wusste der Autor dieser Zeilen bis dato gar nicht, dass es sie heute noch gibt.
Offenkundig existiert sie aber noch und scheint attraktiv genug, dass sich Aleksej, ein junger Belarusse, auf verschlungenen Pfaden gen Frankreich durchschlägt, um sich ihr anzuschließen. Fragen werden kaum gestellt, auch der Status als illegaler Migrant ist kein Hinderungsgrund, sondern eher förderlich, um als Kanonenfutter für Frankreich herzuhalten. Von Aleksejs Motiven erfahren wir nichts, aber die Tatsache, dass nach fünf Jahren treuer Pflichterfüllung der französische Pass winkt, dürfte für viele hinreichend genug Motivation sein.
Gespielt wird Aleksej in dieser französisch-italienischen Koproduktion von Franz Rogowski. 2018 war er noch einer der Shooting Stars der Berlinale und galt als hoffnungsvoller Nachwuchsdarsteller. Inzwischen ist Rogowski aus dem deutschen, aber auch europäischen Film nicht mehr wegzudenken. Auf der diesjährigen Berlinale ist er in zwei Produktionen zu sehen, in Ira Sachs’ Beziehungsdrama »Passages« im Panorama und eben in »Disco Boy«, für den er sich sogar der russischen Sprache annehmen musste. Zum Glück bleibt es bei ein paar hingenuschelten Wortfetzen zu Beginn des Films, denn spätestens bei der Truppe muss er ja Französisch sprechen, allerdings mit hartem osteuropäischen Akzent, was auch erst mal gekonnt sein will.
Der erste Einsatz nach harter Ausbildung geht ins Nigerdelta, wo eine um ihr geraubtes Land kämpfende Guerillatruppe ein paar französische Geiseln genommen hat. Hier trifft Aleksej, der sich jetzt Alex nennt, auf den einheimischen Aktivisten Jomo, was sich als schicksalhafte Begegnung erweisen wird, die Jomo nicht überlebt. Bildgewaltig, metaphorisch und begleitet vom treibenden Soundtrack des französischen Techno-Musikers Vitalic, erzählt der junge italienische Regisseur Giacomo Abbruzzese in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm von der Sinnlosigkeit des Tötens und von Verlorenen in einer verlorenen Welt. So fiktiv und stilisiert die Handlung des Films auch ist, die Luftaufnahmen aus dem Nigerdelta sind echt und vermitteln ein eindrückliches Bild davon, wogegen die Aktivisten kämpfen. Die kurze Sequenz, in der die Kamera über die geschundene, von der Gier und dem Hunger nach Öl verwüstete Landschaft mit toten Bäumen und brennenden Öllachen schwebt, gehört zu den erschütterndsten Momenten des Films.
-
/ Bahareh EbrahimiBerlinale: Alltäglich und doch so besondersDie diesjährige Berlinale hat der politische Dokumentarfilm »Dahomey« gewonnen – knapp vor unsinnigen Filmen über Tiere und Außerirdische
-
/ Inga Dreyer»Ich habe 15 Minuten geweint«Berlinale Wettbewerb: »Dahomey« von Regisseurin Mati Diop befasst sich mit kolonialem Unrecht und Restitution
-
/ Bahareh Ebrahimi75. Berlinale: Wenn einen die Ohnmacht überkommtAm Anfang noch lustig, am Ende bitterernst: ein Rückblick auf die Berlinale 2025
»Disco Boy«: Frankreich/Italien/Belgien/Polen 2023. Regie und Drehbuch: Giacomo Abbruzzese. Mit Franz Rogowski, Morr Ndiaye. 91 Minuten. Termine: 22.2., 10 Uhr, Verti Music Hall, und 12.30 Uhr, Zoopalast 1; 26.2., 19.30 Uhr, Verti Music Hall.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.