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Buchmesse in Leipzig: Am besten neutral

Die Preise für Belletristik und Sachbuch wurden in Leipzig verliehen

Esther Dischereit denkt hoffentlich nicht gar zu viel über die Preisvergabe nach.
Esther Dischereit denkt hoffentlich nicht gar zu viel über die Preisvergabe nach.

Bei Buchpreisen ist es in der Regel interessanter zu fragen, wer in der engeren Wahl war, aber leer ausgegangen ist. Beim Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik waren das die neuen Romane der sehr bekannten Autoren Christian Kracht (»Air«) und Wolf Haas (»Wackelkontakt«). Es war klar, dass sie nicht bepreist werden würden, sie standen nur auf der Shortlist zur Steigerung des Startums, damit die Liste von wegen Prominenz besser zur Kenntnis genommen wird.

Es war auch nicht überraschend, dass Cemile Sahin (»Kommando Ajax«) und Esther Dischereit (»Ein Haufen Dollarscheine«) ihn dann nicht bekommen haben – sind zu anspruchsvoll, man könnte auch sagen, ihre Bücher sind zu gut. Eine verwegene kurdische Kriminalgeschichte im niederländischen Exil und die komplexen Erforschungen der »zerrissenen Biografien und Identitäten jüdischer Menschen nach der Shoah und in der Diaspora«, wie es in dieser Zeitung formuliert wurde: Solche Bücher schreibt man in die Shortlist, um diese interessanter zu machen und den Eindruck einer gewissen Tiefgründigkeit zu erwecken.

Bekommen hat den Preis schließlich das am wenigsten aufregende Buch: »Halbinsel« von Kristine Bilkau. Eine Mutter-Tochter-Geschichte, geschrieben aus der Mutter-Perspektive, das ist noch das Originellste daran. Sonst rechnen meistens die Töchter ab. Anders als in der klassischen, schon durch alle komödiantischen Klischees gewalkten Mutter-Sohn-Beziehung verspricht die Mutter-Tochter-Beziehung mehr Spannung. Oder kennen Sie eine Mutter-Tochter-Beziehung, die Sie als harmonisch bezeichnen würden? In »Halbinsel« ist die erwachsene Tochter in einer Lebenskrise und wird von ihrer Mutter wieder aufgenommen. Die Mutter, die früher alleinerziehend war, überlegt, ob sie nicht auch in einer Lebenskrise steckt. Sie lebt auf einer nordfriesischen Halbinsel, die Tochter ist Umwelttechnikerin. Die »Süddeutsche Zeitung« schrieb, dieser auch in einer ökologischen Perspektive zu verstehende »Zusammenhang von Schutz und Kontrolle« sei ein Leitmotiv des Romans – allerdings ist er ziemlich schlicht, fast desinteressiert-beiläufig aufgeschrieben. Das soll wahrscheinlich nüchtern wirken. Große Gefühle immer kleiner machen, damit einem nicht zu schwindlig wird, auf der berühmten Achterbahn, das wird einem schon im Deutschunterricht angeraten. Aber hier macht das einen eher müde, man wünscht einen nordfriesischen Windstoß herbei, zur Erfrischung.

Der Preis für Bilkau sei im Vergleich mit der Konkurrenz eine »harmoniemechanische Entscheidung« gewesen, sagte mir der Literaturwissenschaftler und »nd«-Autor Vincent Sauer, als wir am Donnerstagabend auf einer Party herumstanden. Er berichtete, wie er nach einer Lesung von Christian Kracht ein Exemplar von »Air« gekauft habe und es sich dann vom Autor signieren lassen wollte. Dieser fragte ihn, welche Widmung er vorne hineinschreiben solle. »Am besten neutral«, sagte Sauer. Das erschien Kracht zu erwartbar: »Ich bin doch Schweizer.« So ähnlich muss man sich die Entscheidung der Jury gegen »Air« für »Halbinsel« vorstellen. Oder wie Stereo Total einmal gesungen haben: »Ohne Höhe, ohne Tiefe, exakt neutral«.

Könnte man derart im heutigen Russland leben, wäre schon viel gewonnen. Stattdessen gewinnt die Gewalt in der Sprache, im Denken und im Handeln. Wie im schlechten Fernsehen, das real geworden ist und die Menschen angreift. Deshalb geht der Buchpreis in der Sparte Sachbuch für Irina Rastorgueva und ihren Essayband »Pop-up-Propaganda. Epikrise der russischen Selbstvergiftung« voll in Ordnung.

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