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Sieben Tage, sieben Nächte
Wolfgang Hübner über Ansichten des Redners, Wanderpredigers und Bundespräsidenten Gauck
Was ist das für ein Redner, der am liebsten über Deutschland spricht, über Europa, seine Bürger, über die Geschichte, Verantwortung, Freiheit und Demokratie? Es könnte ein Wanderprediger von der Bundeszentrale für politische Bildung sein. Oder der Sonntagsreferent des Bundes der Ruhestandsbeamten.
Es ist aber Joachim Gauck. Der Bundespräsident erreichte gerade die Halbzeit seiner Amtsperiode, und aus diesem Anlass hat sich die Nachrichtenagentur dpa die Mühe gemacht, sämtliche rund 300 präsidiale Gauck-Reden durch einen Wortfilter zu jagen. 300 Reden in zweieinhalb Jahren, das ist im Durchschnitt alle drei Tage ein Auftritt. Maulfaul ist er nicht, der Präsident.
In der Gauck-Hitliste befinden sich viele schöne Wörter, die den Duden ebenso schmücken wie die deutsche Sprache überhaupt und eine staatsmännische Rede sowieso. Europa zum Beispiel (Platz 2 mit 190 Erwähnungen) oder Bürger (Platz 3, 193 mal). Freiheit kommt erst auf Platz 6 (158 mal), das hätte man bei Gauck weiter vorn erwartet. Gleich dahinter Demokratie. Gerechtigkeit hat es nur auf Platz 10 geschafft, soziale Gerechtigkeit sogar nur auf Platz 20, aber wen wundert das?
Denn Joachim Gauck hat sich schnell zum Spezialisten für deutsche Verantwortung (Platz 5) hochgeredet. Er leimt die vielen schönen Wörter mit einem Klebstoff aus Pathos, Konservatismus, Selbstergriffenheit, Antikommunismus und Deutschland-Begeisterung zusammen. Auf so genannten Sicherheitskonferenzen lauscht man ihm hingebungsvoll, weil er sich etwa über die »glückssüchtige Gesellschaft« mokiert, die keine Lust auf »deutsche Gefallene« habe. Oder herabsetzende Bemerkungen über die Friedensbewegung einstreut.
Genau solche Zitate sind es, bei denen manchem nd-Mitarbeiter Vergleiche einfallen, die man lieber nicht drucken möchte. Und bei denen es früheren Kollegen des einstigen Pfarrers Gauck erheblich graust. Dieser habe »offenbar das Wort der Evangelischen Kirchen in Deutschland nicht mehr im Gedächtnis, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll«, schrieb schon im Juli 2012 der einstige Theologe und Bürgerrechtler Hans-Jochen Tschiche in einer nd-Kolumne. Wobei man hinzufügen muss: Gauck könnte auch noch ganz anders. Er reißt sich nämlich gewaltig am Riemen. Oder, um es auf Präsidentendeutsch zu sagen: »Ich habe noch meine eigene Meinung, aber ich vertrete sie mit Zurückhaltung.«
Da möchte man, obwohl unverbesserlicher Atheist, einen dringenden Wunsch aussprechen: Möge Gott es einrichten, dass diese Zurückhaltung nie nachlässt.
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